Blacktape

Wo ist Tigon? Dieser Frage geht die Mockumentary „Blacktape“ nach, die den  frei erfundenen Rapper zum Gründungsvater des deutschen Hip Hop ernennt. Die investigative Suche nach dem verschollenen Tigon erinnert an den Oscar- gekrönten Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“, während der Fake-Charakter an das ebenfalls erlogene Comeback der Elektroband „Fraktus“ gemahnt. Regisseur Sékou Neblett, der selbst Mitglied der Hip-Hop-Gruppe „Freundeskreis“ war, kreiert eine gut gelaunte Hommage an den deutschen Sprechgesang, die die imaginäre Geschichte rund um den mysteriösen Tigon ein wenig zu verworren ausbreitet.

Webseite: www.blacktape-derfilm.de

OT: Blacktape
Deutschland 2015
Regie: Sékou Neblett
Länge: 88 Min.
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 03. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Die Story beginnt mit einer ominösen Nachricht. Der längst von der Bildfläche verschwundene Rapper Tigon kontaktiert den Hip-Hop-Experten und -Produzenten Marcus Staiger, der dem Filmemacher Sékou Neblett davon berichtet. Gemeinsam mit dem Musikjournalisten Falk Schacht begeben sich die Männer auf die Suche nach dem weithin unbekannten Musiker, der den deutschen Sprechgesang Mitte der 80er-Jahre scheinbar im Alleingang aus der Taufe hob. Staiger, der unter anderem Bushido und Sido entdeckte, wittert seine Chance auf die Wiederentdeckung eines Klassikers. Die Spur führt nach Heidelberg, wo Tigon im Jahr 1986 einen Tumult auslöste, als er in einer amerikanischen Kaserne auftrat. Dass da ein Deutscher auf der Bühne stand und rappte, schmeckte den Amerikanern nämlich überhaupt nicht. Die Geschichte um Tigon, die im weiteren Verlauf immer mehr Facetten gewinnt, ist sicherlich ein heißes Eisen – wenn sie denn wahr wäre.
 
Klassisch arrangierte Interviews mit Hip-Hop-Pionieren wie Dendemann oder Fünf Sterne deluxe und spontan wirkende Kameraschwenks tarnen den flott erzählten „Blacktape“ als handelsüblichen Dokumentarfilm. Dass das Theater um den mysteriösen Tigon frei erfunden ist, wittert der Betrachter indes schon nach wenigen Minuten. Wenn sich Schacht, Staiger und Neblett in spürbar inszenierten Streits dissen, wirkt die humorvolle Mockumentary wie ein typisches Scripted-Reality-Format aus dem Privatfernsehen, grelle Ansagen wie „Es ist das Psychische, was mich fickt!“ inklusive.
 
Für die Inszenierung der Lügenmär nutzt Sékou Neblett neben den visuellen Referenzen an das Dokumentarische auch fingierte Zeitungsartikel oder ein Zeitzeugengespräch. Als ein handfester Streit eskaliert, hört der Zuschauer lediglich die Tonspur, weil der pikierte Marcus Staiger das Bildmaterial angeblich nicht freigeben wollte. Auf einer weiteren Ebene kommentiert Neblett den Verlauf und die Hintergründe der Schnitzeljagd aus dem Off, so dass der Interviewfilm sein ebenfalls erfundenes Making-of gleich mitliefert. Wenn die Story am Ende in Richtung Verschwörungstheorie kippt, offenbart Sékou Neblett endgültig, dass die etwas zu verschwurbelte Geschichte eine Ente ist. 
 
Ein Fünkchen Wahrheit glüht natürlich trotzdem in „Blacktape“, der letztlich eine betont subjektive Liebeserklärung an die deutsche Hip-Hop-Kultur im Allgemeinen und den Berliner Underground im Speziellen ist. Die Faszination des Musikers und Regisseurs für den heimischen Sprechgesang tritt deutlich zu Tage. So beginnt „Blacktape“ mit einer kurzen Geschichte des (deutschen) Hip Hop, die zwischendurch immer mal wieder fortgesetzt wird und die Rap-Musik in der Gegenkultur verortet. Dass der erfundene Gründungsvater Tigon gesellschaftskritische Stücke mit Titeln wie „R-e-v-olution“ schrieb, die der Film ganz old school von einem Kassetten-Tape einspielt und mit krisseligen Videoclips nachstellt, passt gut zur „Street Credibility“, die der Film auch in seiner visuellen Umsetzung und den Statements der Hauptfiguren beschwört.
 
Auch wenn die inszenierte Dynamik zwischen den Protagonisten einige komische Momente hervorbringt, so reicht die Mockumentary nicht ganz an den ähnlich gestrickten „Fraktus“ über eine fiktive Elektroband heran. Denn während „Fraktus“ abseits der Komik eine beißende Satire auf die Musikindustrie entwirft, dreht sich „Blacktape“ ein wenig zu sehr um sich selbst.
 
Christian Horn