Bombón – Eine Geschichte aus Patagonien

Argentinien/Spanien 2004
R: Carlos Sorin
D: Juan Villegas, Walter Donado, Claudina Fazzini, Mariela Diaz
P: Guacamole Films, OK Films, Wanda Vision S.A.
K: Hugo Colace
M: Nicolás Sorin
Festivals: Toronto 2004, San Sebastían 2004, Filmfest München 2005
Verleih: Alamode Film
Format: 1 . 1,85
Länge: 97 Min.
Start: 4. August 2005

Patagonien, Heimat der Winde und seltsamen Begegnungen: Ein Messerverkäufer kommt hier buchstäblich auf den Hund und erobert mit dem Tier einen neuen Wirtschaftszweig – den Hundeschauenbetrieb. Der argentinische Regisseur Carlos Sorin, preisgekrönt für seine minimal inszenierten „Minimal Stories“, erzählt seine Geschichte der unverhofften Wendungen und Zufälle so charmant, ruhig und belanglos, dass der ganze Film in nette Belanglosigkeit abzurutschen droht.

„Mit 52 Jahren arbeitslos: ist das ein Problem?“ „In diesem Land ist alles ein Problem.“ Trotz der vielen Probleme befindet sich Juan (Juan Vallega) im Land des Lächelns. Mit kindlich staunenden Knopfaugen fährt der 52jährige durch die Pampa und bietet selbstgeschnitzte Messer an.  Vor kurzem hat er seine Stelle als Tankstellenmechaniker verloren, nicht aber seine Freundlichkeit. Seine Hilfsbereitschaft führt ihn mit einer Gutsbesitzerin zusammen, die ihm zum Dank eine argentische Zuchtdogge schenkt, welche ihn wiederum mit dem stämmigen Walter zusammenführt, mit dessen Hilfe er den dritten Preis in einer Hundeschau ergattert. Leider offenbart der riesige Hund namens „Bombón“ eine gestörte Libido. Aber das Problem erweist sich als Problemchen und bald erstrahlt Juans Gesicht wieder in einem gütigen Lächeln.

So plätschert die Geschichte dahin und irgendwann ist die Leinwand wieder dunkel. Was hatte man gesehen? „Eine Geschichte über Vertrauen und Hoffnung“, sagt der Untertitel.
Lauter sympathische Leute, die auch freundlich bleiben, wenn sie Tiere abrichten, Schlägereien hinter sich bringen, Hunde zur Fortpflanzung zwingen oder von Hunden gebissen werden. Sie alle kreisen um ein kurioses Paar aus Mensch und Hund. Wenn die schneeweiße Dogge wie ein Eisbär neben dem kleinen Juan thront, wirken die zwei wie eine Variation von Chewbaca und Han Solo. Die Landschaft Patagoniens ist nicht so malerisch und mystisch wie bei Bruce Chatwin, eher eine Nebensache. Windige, sonnendurchflutete Sandflächen bis zum Horizont, dazu verlassene Tankstellen, Rennbahnen, endlose Landstraßen.

„Mich interessiert nur ein Kino der Verlierer“, äußerte Carlos Sorin gegenüber der spanischen Zeitschrift „El Cultural“.  Im Presseheft beschwört er so inbrünstig einen Purismus, als wolle er für seinen Film den Grünen Punkt erwerben: „Das Kino ist ja von Grund auf Betrug“. Er bevorzuge das Dokumentarische. Reale Menschen an realen Schauplätzen in realem Licht. Seine Erzählform folge „dem Muster jener alten Decken, die unsere Großmütter aus verschiedenen Flicken zusammengenäht haben“. Sorin, der schon in „minimal Stories“ karge Landschaft und schlichte Herzlichkeit koppelte, erzählt wieder von „einfachen“ Menschen, die sich nicht über Worte, sondern über Gesten vermitteln.  Seine Laiendarsteller seien mit ihren Figuren „in ihrer Seele absolut identisch“. Dennoch ist es dem Regisseur „ein wenig peinlich, dass sich (Hauptdarsteller) Villegas jetzt wieder um seine Autos kümmert, nachdem er die Hauptrolle in seinem Film gespielt hat“. Wie jetzt? Vielleicht sucht man die weitere Orientierung bei Bruce Chatwin.

DOROTHEE TACKMANN