Borderland Blues

Jahrelang wurden Grenzen aufgelöst, schienen Nationen näher aneinanderzurücken, doch diese Zeiten sind zumindest in manchen Regionen der Welt vorbei. So wie Europa seinen Südosten stärkt, versucht die USA ihre Grenze zu Mexiko dicht zu machen, was vielerlei Folgen für die Anwohner hat, wie Gudrun Gruber in ihrer Dokumentation „Borderland Blues“ zeigt.

Webseite: www.dejavu-film.de

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie & Buch: Gudrun Gruber
Länge: 73 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 18. Mai 2017

FILMKRITIK:

Es war eines der wichtigsten Wahlversprechen, dank derer Donlad Trump zum aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde: Eine Mauer zwischen Mexiko und den USA soll den Migrationsfluss stoppen, der fortwährend Arbeitssuchende nach Amerika bringt, aber auch von Drogenkartellen genutzt wird. Mehrere Milliarden Dollar teuer soll diese Mauer sein, so sie denn jemals gebaut wird.
 
Ob sie etwas nutzen würde ist die entscheidende Frage, die in Gudrun Grubers Dokumentation „Borderland Blues“ nicht gestellt wird – die Dreharbeiten fanden schon lang vor Trumps Wahlkampf statt – die aber immer mitschwingt. Ein Zaun markiert heute die Grenze der beiden Staaten, der an manchen Stellen hoch und gut bewacht ist, an anderen Stellen kaum der Rede wert ist. Selbst für seltene Bäume werden Lücken gelassen, wie ein Mitglied der Arizona Border Recon verächtlich berichtet. Während diese Organisation in Eigenregie alles daran setzt, die Grenze dichtzumachen, Migration zu verhindern, versuchst die NGO No more Deaths das genaue Gegenteil: Nicht unbedingt offensiv Migration zu unterstützen, aber die nicht zu bestreitende Tatsache, dass Migration existiert anzunehmen und versuchen, Todesfälle in der Wüste zu verhindern.
 
Fast absurde Ausmaße nimmt bisweilen das Gewusel im Grenzgebiet an, wenn die unterschiedlichen NGOs auf Grenzbeamte von Staat und Ländern treffen. Man kennt sich, schätzt sich augenscheinlich nicht unbedingt, grüßt sich und verfolgt weiter seine eigenen Intentionen. Ohne eine Haltung eindeutig zu bevorzugen lässt Gruber die unterschiedlichen Seiten zu Wort kommen, allein die Migranten selber bleiben außen vor, bleiben Geister, existieren nur in den Aussagen von Beschützern und Gegnern.
 
Zunehmend militarisiert ist die Grenze, nicht nur die ständigen Patrouillen, auch die hohen Überwachungstürme und omnipräsenten Infrarotkameras schaffen eine bedrohliche Atmosphäre, die die im Grenzland lebenden Menschen zunehmend irritiert. Die Farmen der Rancher werden so zum Schauplatz des Konflikts zwischen Migranten und Grenzern, die längst den Versuch aufgegeben haben, die Grenze an sich zu überwachen, sondern statt dessen im Hinterland aktiv sind. Wie ausweglos ihr Kampf gegen Migration und nicht zuletzt den Drogenhandel ist muss Gruber gar nicht erst betonen, zu breit ist die Grenze, zu unwegsam das Grenzland als das sie wirklich lückenlos zu überwachen wäre.
 
Welch menschliche Tragödien hier verursacht werden zeigt besonders der Fall der Ureinwohner vom Stamm der Tohono O'odham: Ihr Land liegt sowohl auf amerikanischer wie auf mexikanischer Seite, um Verwandte und Freunde zu besuchen überqueren sie ständig den hier besonders durchlässigen Zaun, womit sie sich offiziell strafbar machen. Nur eine der vielen Absurditäten einer Grenze, die mit Unsummen bewacht und doch durchlässig wie ein Sieb ist.
 
Michael Meyns