Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten

Schon immer suchten Menschen aus der ganzen Welt ihr Glück in den Vereinigten Staaten, zu deren Gründungsversprechen das Streben nach Glück gehörte. Basierend auf einem irischen Bestseller erzählen Regisseur John Crowley und Autor Nick Hornby von einer jungen Frau, die Anfang der 1950er Jahre ihre Heimat Irland zurücklässt und in New York auf ein besseres Leben hofft. Doch statt des sozialen Aufstiegs erwarten sie anfangs Heimweh und Schuldgefühle. Erst als sie einen jungen Italo-Amerikaner kennenlernt, kommt sie langsam in Amerika an. Saoirse Ronan („Abbitte“) brachte ihre beeindruckende Darstellung bereits eine verdiente Golden Globe-Nominierung ein. Ein gefühlvoller Film, uneingeschränkt sehenswert.

Webseite: www.brooklyn-derfilm.de

OT: Brooklyn
GB/IRL/KAN 2015
Regie: John Crowley
Drehbuch: Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín
Darsteller: Saoirse Ronan, Emory Cohen, Julie Walters, Jim Broadbent, Jane Brennan, Fiona Glascott, Eva Birthistle, Domhnall Gleeson
Laufzeit: 111 Minuten
Kinostart: 21.1.2016
Verleih: Fox
 

FILMKRITIK:

Heimat sei kein Ort sondern ein Gefühl wird gelegentlich behauptet. Eilis Lacey (Saoirse Ronan), die Hauptfigur aus Colm Tóibíns auch außerhalb Irlands viel beachtetem Roman, wird dieser Aussage vermutlich vehement widersprechen. Als sie Anfang der 1950er Jahre das kleine Städtchen Enniscorthy verlässt, um im großen New York die Chance auf ein besseres Leben zu ergreifen, da wird ihr plötzlich auf schmerzhafte Weise klar, wo ihr Herz zu Hause ist und was Heimat für sie bedeutet. Diese ist sowohl ein Ort als auch ein Gefühl und beides liegt Tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Atlantiks. Dort in der irischen Provinz musste sie ihre ältere Schwester Rose (Fiona Glascott) und ihre Mutter (Jane Brennan) zurücklassen. Ein katholischer Priester (Jim Broadbent) organisierte ihre Emigration in die Vereinigten Staaten, weil er doch fest daran glaubte, dass es Eilis im viel zitierten „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ einmal besser gehen würde.
 
In der irischen Gemeinde Brooklyns findet sie eine erste Unterkunft. Unter dem Regiment der strengen aber fürsorglichen Vermieterin Mrs. Kehoe (Julie Walters) lebt sie mit anderen Mädchen in einer Art Wohngemeinschaft. Leider entspricht der von Pater Flood vermittelte Job in einem Luxus-Kaufhaus nicht dem, was sie sich unter New York vorgestellt hat und so wächst das Heimweh von Tag zu Tag. Der Besuch der Abendschule, wo sie Buchhalterkurse belegt, wird schon bald zu einer willkommenen Ablenkung. Gleiches gilt für die Abende in einem irischen Tanzlokal. Doch Eilis ist zu schüchtern, um andere Jungs anzusprechen. Erst als sie dem jungen, charmanten Italo-Amerikaner Tony (Emory Cohen) begegnet, scheint ihr neues Leben die erhoffte Wendung zu nehmen.
 
Die eigentlich kleine Geschichte, die „Brooklyn“ erzählt, wird in den Händen von Regisseur John Crowley („Boy A“) und Autor Nick Hornby zu etwas viel Größerem. Sie beschreibt Sehnsucht, Verlust, die Hoffnung auf Verbesserung und unsere Suche nach einem Zuhause. Hornbys gefühlvolle aber niemals rührselige Adaption der Romanvorlage umschifft die Klippen eines mittelmäßigen Herzschmerz-Melodrams oder den Kitsch der meisten Nicholas-Sparks-Verfilmungen. Stattdessen erscheint der Film beseelt von einem warmen, durchaus nostalgischen Blick auf jene Zeit, in der die USA mit ihrem Versprechen an sozialen Aufstieg und Freiheit vor allem Menschen aus Europa anlockten. Die Parallelen zur aktuellen Flüchtlingskrise mögen so im 2009 erschienenen Roman von Tóibín noch nicht angelegt gewesen sein und doch sind sie unübersehbar für jeden, der heute nicht die Augen vor der Realität verschließt. Im Grunde ist auch Eilis ein „Wirtschaftsflüchtling“, der von einem besseren Leben träumt.
 
Ein Schicksalsschlag bringt Eilis’ Leben schließlich die entscheidende Wendung und auch „Brooklyn“ zur Hälfte einen unerwarteten Schauplatzwechsel. Zu diesem Zeitpunkt dürften die meisten Zuschauer längst alle Gedanken und Gefühle mit Eilis und Tony teilen. Neben Hornbys Fingerspitzengefühl und Crowleys Regiekunst, die sich bereits bei seinem Debüt „Boy A“ zeigte, haben vorrangig Saoirse Ronan und Emory Cohen ihren Anteil am emotionalen Grundgerüst dieser angenehm leise erzählten Geschichte. Für Ronan ist es nach „Abbitte“ und „Wer ist Hanna?“ bereits ihre dritte Hauptrolle mit beachtlichem Award-Potenzial. Ihr gelingt es, einerseits Eilis’ Widersprüche und Unsicherheit zu vermitteln, andererseits auch ihren Reifeprozess, wodurch „Brooklyn“ zeitweilig auch als Coming-of-Age-Erzählung wunderbar funktioniert. Wenn die Kamera ihr Gesicht in Großaufnahme bei der ersten Ankunft in New York einfängt – oder bei ihrer späteren Rückkehr –, dann ist jedes Wort plötzlich überflüssig.
 
Nachwuchstalent Emory Cohen, der zum ersten Mal in „The Place Beyond the Pines“ auf sich aufmerksam machte, steht Ronan jedoch in nichts nach. Um in seiner Präsenz auf der Leinwand echtes Star-Charisma zu entdecken, muss man nicht allzu viel Fantasie aufbringen. In Crowleys sensibler Emigranten-Lovestory bildet er zusammen mit Ronan ein kongeniales Filmpaar, mit dem man jederzeit mitfühlt, hofft, bangt und sich freut. Aber natürlich ist „Brooklyn“ zugleich eine Ensembleleistung, exzellent besetzt bis in die Nebenrollen. Die kleine Episode mit Eva Birthistles Charakter, der die verunsicherte Eilis bei ihrer ersten Überfahrt nach New York unter ihre Fittiche nimmt, mag hierfür als Beleg dienen. Am Ende setzt sich der Film aus vielen solcher erinnerungswürdiger Momente zu einem äußerst stimmigen Mosaik zusammen.
 
Marcus Wessel