Casanova

USA 2005
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch:  Kimberly Simi, Jeffrey Hatcher
Darsteller: Heath Ledger, Sienna Miller, Jeremy Irons, Oliver Platt
Filmverleih: Buena Vista
Länge: 107 Minuten
Kinostart: 09.02.2006

Der größte Womanizer der  Weltgeschichte kehrt auf die Leinwand zurück. Im Stile einer Commedia dell’Arte präsentiert Regisseur Lasse Hallström einen schwungvollen Kinoschwank voller Lügen, Leidenschaft und Liebe.

Die Commedia dell’Arte ist eine italienische Schauspielkunst, die im 16. Jahrhundert auf öffentlichen Volksbühnen entstand. Mit festgelegten Dramaturgien und wiederkehrenden Charakteren werden darin turbulente Komödien erzählt, die zumeist in Massenvermählungen münden. Bei seinem „Casanova“ orientiert sich der gebürtige Schwede Lasse Hallström („Schiffsmeldungen“) eng an diesen Regeln und schildert eine klassische Commedia dell’Arte mit erkennbar britisch-amerikanischem Einschlag.

Mitte des 18. Jahrhunderts gilt Venedig als weltoffene Handels- und Touristenstadt. Doch alle Freiheit hat ihre  Grenzen. Das lüsternde Leben des Abenteurers Giacomo Casanova (Heath Ledger) können Stadtfürsten wie katholische Kirche nicht länger tolerieren. Sollte es der Charmeur nicht bis zum nahenden Karneval schaffen, eine Ehefrau zu finden, droht ihm die Vertreibung aus der Kanalstadt. Für jemanden wie Casanova sollte diese Auflage eigentlich ein Selbstgänger sein. Schließlich stehen allnächtlich die holdesten Damen vor seinem Schlafgemach Schlange. Doch der Frauenheld will ausgerechnet die resolute Francesca Bruni (Sienna Miller) in den Hafen der Ehe führen. Und die ist als bekennende Feministin von dieser Idee alles andere als begeistert.

Wenn Heath Ledger, der australische „Ritter aus Leidenschaft“, in der Titelrolle tief in die Trickkiste greift, um die Gunst der attraktiven Francesca zu  gewinnen, sind die Verbindungen zur Commedia dell’Arte kaum zu übersehen. Wir erkennen ihre typischen Elemente aus Maskerade, Verwechslung und Rollentausch. Casanova muss sich allerhand einfallen lassen, um seine Traumfrau zu becircen. Und nicht nur er. Im Schatten seiner Annäherungsversuche stehen die Zeichen generell auf Liebe. Wir erkennen viele der obligatorischen Figuren einer Commedia dell’Arte: Die Herren, die Diener, die reichen aber einfältigen Kaufleute und die garstigen Gegenspieler. Sie alle spielen mit der Leidenschaft, hintergehen sich gegenseitig und verfangen sich zum Amüsement des Zuschauers im Netz der eigenen Lügen.
Neben Heath Leder, der Casanova als amerikanischen Sonnyboy interpretiert, überzeugt Jeremy Irons als katholischer Inquisitor, der sich redlich bemüht, die doktrinäre christliche Ordnung in der liebestollen Stadt aufrecht zu erhalten. Auch Oliver Platt, der als Francescas heimlicher Verlobter in die Geschichte eingeführt wird, weiß durch Naivität und sein voluminöses Speckbauchkorsett zu gefallen.

Die Stadt Venedig, in der das turbulente Treiben stattfindet, inszenierte Hallström wie einen gigantischen Rummelplatz in pompöser Kostümierung. Historische Genauigkeit darf da genauso wenig erwartet werden, wie bei der Handlung. Gleich zu Beginn erzählt dort ein in die Jahre gekommener Mann, dass hier ein ungewöhnliches und bislang ungeschriebenes Kapitel aus Casanovas Leben aufgeschlagen wird. Wir befinden uns also im Land der Fiktion und genau darauf sollte sich der Zuschauer einstellen. Im Mittelpunkt steht keine biografische Abhandlung, sondern die hohe Kunst der Komödie. Hallström lässt in „Casanova“ gekonnt Kulturen, Glaubensrichtungen und Geschlechter der unterschiedlichsten Facetten aufeinander prallen. Geschickt spielt er mit den Elementen der Commedia dell’Arte und referenziert sie im Film immer wieder in Form von öffentlichen Puppenspielen und opulenten Maskenbällen.

Der Film will in erster Linie unterhalten – und das gelingt ihm mit Wortwitz und Situationskomik prächtig. Der Zuschauer wird bei alldem stets als Komplize eingespannt. Wer gerade hinter welcher Maske steckt und wer gerade welche Intrige spinnt, ist jederzeit offen gelegt. Auch das ist italienisches Volkstheater par excellence. „Casanova“ ist eine frische und schwungvolle Komödie, wie sie in dieser unbeschwerten Form zuletzt selten geworden ist.

Oliver Zimmermann