Chuck Norris und der Kommunismus

 
Mitten im Kalten Krieg gab es in Rumänien eine Hollywood-Videokultur von ungeheurem Ausmaß: Die erfolgreichsten US-Filme wurden synchronisiert, kopiert und liefen schließlich in überfüllten Wohnzimmer vor einem faszinierten Publikum – alles selbstverständlich streng illegal. Aus Spielszenen und Interviews mit Zeitzeugen hat die rumänisch-britische Filmemacherin Ilinca Calugareanu einen amüsanten und spannenden Dokumentar-Spielfilm komponiert, der gleichzeitig eine Hommage an die Macht des Films und der Bilder ist.

Webseite: http://chucknorris-film.de

Rumänien/Großbritannien/Deutschland 2015
Sprache: rumänisch mit dt. Kommentar/dt. Untertiteln
Regie und Buch: Ilinca Calugareanu
Kamera: José Ruiz
80 Minuten
Verleih: Rise and Shine Cinema
Kinostart: 12.11.2015
 

FILMKRITIK:

Die Jugend liebt das Kino – schon seit mehr als 100 Jahren überall auf der Welt und natürlich auch im Rumänien der 80er Jahre. Hier bestimmten Langeweile und sozialistischer Einheitsbrei das Fernseh- und das Kinoprogramm. Denn während der jahrzehntelangen Herrschaft des moskauhörigen Diktators Nicolae Ceaușescu hielt die staatliche Zensur die Medien fest im Griff. Trotzdem gab es einen Weg, wie junge Leute an aktuelle Blockbuster herankommen konnten: Überall im Lande kursierten illegale Videokopien, die in geheimen Wohnzimmervorstellungen gezeigt wurden. Sie waren sogar synchronisiert – immer von derselben Frauenstimme, die sämtliche Rollen sprach. Aber wie kam es dazu?
 
Mit augenzwinkerndem Humor erzählt Ilinca Calugareanu diese wahre Geschichte, die gleichzeitig als spannender Thriller in die Vergangenheit führt. In Spielszenen entfaltet sich das Panorama einer Zeit, in der die Bedrohung durch den rumänischen Geheimdienst allgegenwärtig ist. Trotzdem lassen sich weder die Akteure noch das Publikum beirren: Action- und Martial Arts-Filme, Komödien à la „Die Frau in Rot“ oder Musicals wie „Dirty Dancing“ finden ein begeistertes Publikum. Heute fällt es den damaligen Beteiligten leicht, darüber zu sprechen – die Kinder von damals sind heute erwachsen und amüsieren sich in der Rückschau über ihre damaligen Vorlieben, aber auch über die Faszination der Bilder, die für sie ebenso exotisch wie anziehend waren. Trotz miserabler Videoqualität behielten die Filme ihre Magie. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Atmosphäre, denn schließlich taten sie alle etwas Verbotenes. Dabei ging es keineswegs vorrangig um Meinungsfreiheit oder unzensierten Zugang zu Medien und schon gar nicht um die Vorbereitung der Revolution, sondern um handfeste kommerzielle Interessen auf einem umkämpften Schwarzmarkt. Schon die Beschaffung eines Videorekorders war in Rumänien praktisch unmöglich. Einen Videorekorder im westlichen Ausland zu kaufen und ins Land zu schmuggeln, war aber praktisch die Voraussetzung, um in einem meist überfüllten Wohnzimmer zwar privat, aber gegen Eintritt die Hollywoodstreifen zu zeigen.
 
Im Mittelpunkt der Handlung stehen neben den früheren Zuschauern, die in Spielszenen um 30 Jahre verjüngt wieder fasziniert vor den rauschenden Videobildern sitzen, auch die Akteure hinter den Kulissen. Besonders Irina Nistor, die Synchronstimme aus mehr als 3000 (in Worten: dreitausend) Filmen spielt eine wichtige Rolle. Aber wer war diese Irina Nistor? Wie kam sie zu diesem merkwürdigen, geheimen Synchronjob? Wer waren ihre Auftraggeber? Und warum wurde sie niemals vom Geheimdienst verhaftet?
 
Wer die Antwort auf all diese Fragen sucht und sich einen unterhaltsamen Filmtrip in die Vergangenheit gönnen möchte, der muss schon selbst ins Kino gehen!
 
Gaby Sikorski