Creed II: Rocky’s Legacy

Der erste Film war ein interessantes und gut gemachtes Sportlerdrama, das ganz und gar in der Tradition von „Rocky“ stand. Mit dem Sequel „Creed II“ steht man nun auch in einer Tradition – und zwar in der von „Rocky IV“. Das Problem dabei: Jedwede Ernsthaftigkeit oder Anspruch sind damit flöten gegangen. Herausgekommen ist ein überlanger Actionfilm, der gerne mehr als das wäre, aber dem niemals auch nur nahekommt. Dabei steckt in der Geschichte eigentlich ein echtes Drama, aber das hat nichts mit Rocky und Adonis Creed, sondern mit Ivan und Viktor Drago zu tun.

Webseite: www.warnerbros.de

USA 2018
Regie: Steven Capple Jr.
Buch: Sylvester Stallone, Juel Taylor
Darsteller: Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashad, Florian Munteano, Dolph Lundgren
Länge: 130 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 24. Januar 2019

FILMKRITIK:

Am Ende von „Creed“ ist der Sohn des im Ring getöteten Apollo noch kein Champion, am Anfang von „Creed II“ erringt er dann den Weltmeistertitel. Danach beginnt die eigentliche Geschichte, denn ein findiger Box-Promoter hat den neuen Kampf des Jahrhunderts ausgemacht. Adonis Creed soll gegen Viktor Drago kämpfen. Das ist der Sohn des Mannes, der einst seinen Vater getötet hat. Rocky möchte mit diesem Kampf nichts zu tun haben, weswegen Adonis sich ihm auf eigene Faust stellt – und untergeht. Was folgt, ist Adonis‘ Rückkehr an die Spitze. Das alles sind Versatzstücke bisheriger „Rocky“-Filme.
 
Wo sich „Creed“ noch an „Rocky“ orientierte, ist es hier aber „Rocky III“ und „Rocky IV“, die sich Autor Sylvester Stallone zum Vorbild nimmt. In ersterem wurde Rocky geschlagen und musste erst wieder das Auge des Tigers (Übersetzung: den Willen zum Kämpfen) finden, in letzterem rächte Rocky den Tod seines Freundes in einem Boxring in Russland. Das alles wird nun in „Creed II“ noch einmal durchgekaut. Die Unterschiede sind minimal. Im Grunde erwartet man, dass Adonis irgendwo in der winterlichen Pampa trainieren wird, so weit geht man aber nicht und schickt ihn in die Wüste. Das aber in einer Montagesequenz, die ausgesprochen lustlos daherkommt. Dabei sind es doch gerade diese Trainingssequenzen, die mit ihrem mitreißenden Schnitt und der durchschlagenden Musik den Puls beschleunigen. Hier bleibt die Reaktion jedoch aus, was leider auch für den gesamten Film gilt.
 
Man merkt ihm an, wie er fast schon verzweifelt versucht, das Drama des Vorgängers in irgendeiner Weise zu wiederholen. An Toppen kann ohnehin nicht zu denken sein. Das Problem ist jedoch, dass die Geschichten von Adonis Creed und Rocky Balboa hier seltsam losgelöst voneinander wirken. Wo der eine mit einer Behinderung des Nachwuchses zurechtkommen muss, muss der andere den Mut aufbringen, wieder mit seinem Sohn zu sprechen. Das ist das ganze dramatische Potenzial. Gänzlich anderes ist vorhanden, wird aber nicht genutzt. Denn eigentlich ist es weit interessanter, wie es den Dragos nach der Niederlage im Jahr 1985 ergangen ist.
 
Das wird hier nur gestreift, hat aber das Potenzial für eine interessante Geschichte, weil es auch die Geschichte eines Verlierers ist, selbst wenn der Film versucht, Viktor Drago ganz anders aufzubauen und ihn zum eigentlichen Siegertyp zu stilisieren. Aber Ivan Drago und damit sein Sohn hat nach 1985 alles verloren und hofft nun auf die Chance, das Blatt zu wenden. Das ist die eigentliche Underdog-Geschichte, für die gerade die „Rocky“-Filme bekannt sind.
 
„Creed II“ erzählt aber die Geschichte eines Gewinners, das aber leider auf recht zähe und unspektakuläre Art und Weise. Dem Erfolg in den USA hat das keinen Abbruch getan, spannender als der Film ist aber eigentlich die Frage, wie diese Reihe weitergehen wird. Auf Rocky, das hat Sylvester Stallone verlauten lassen, wird man dann aber verzichten müssen. Er glaubt, hier einen Schlusspunkt für seine Figur gefunden zu haben. Und was „Creed“ betrifft: Vielleicht könnte man beim nächsten Film wieder zu mehr echtem Drama zurückfinden.
 
Peter Osteried