Das stille Leuchten – Die Wiedereroberung der Gegenwart

Begriffe wie „Achtsamkeit“, „Bewusstheit“ oder „Selbsterkenntnis“ sind längst nicht mehr nur in esoterischen Zirkeln En Vogue, sondern finden sich zunehmend auch in der gesellschaftlichen Mitte. Wie Anja Krug-Metzinger in ihrer Dokumentation „Das stille Leuchten“ zeigt, gibt es gerade in Schulen zunehmende Versuche, Kindern nicht nur Wissen über die Welt, sondern auch Wissen über sich selbst beizubringen.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2017
Regie & Buch: Anja Krug-Metzinger
Dokumentation
Länge: 88 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 27. September 2018

FILMKRITIK:

Die Wiedereroberung der Gegenwart heißt Anja Krug-Metzingers Dokumentation im Untertitel, ein Satz, der gut andeutet, worum es in den von ihr porträtierten Programmen geht: Egal ob in Kindergärten, Schulen oder Sportvereinen, in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich, verbindendes Element der Lehrer oder Erzieher ist es stets, den Kindern und Jugendlichen beizubringen, mehr auf sich zu hören, mehr in sich hinein zu hören.
 
Als Form der Meditation mag man dies betrachten, einem Versuch zur Ruhe zu kommen also, der in den letzten Jahren immer größere Popularität erlangt. Meist nicht als Teil einer sagen wir buddhistischen Religionsausübung, sondern viel allgemeiner, losgelöst von irgendwelchen Ideologien. Immer wieder betont Anja Krug-Metzinger, dass die von ihr beschriebenen Ansätze betont nicht an diese oder jene Heilslehre gebunden sind, dass sie dezidiert nicht von religiösen Dogmen geleitet sind. Vielmehr seien die Konzepte und Theorien der Achtsamkeit bis in die Antike zurückzuverfolgen, seien also zeitlos, sind in unterschiedlichen Formen mal mehr, mal weniger beliebt gewesen.
 
Einen historisch genauen Abriss der Thematik darf man von „Das stille Leuchten“ jedoch nicht erwarten, unabhängige Wissenschaftler oder Historiker, die die unterschiedlichen Formen der Achtsamkeitslehre beschreiben,oder die moderne Entwicklung einordnen, tauchen nicht auf.
 
Stattdessen besucht die Regisseurin diverse Schulen und andere Institutionen, beobachtet die Arbeit an einer Sprachheilschule in Freiburg, besucht ein Trainingsseminar für Erzieher und Lehrer, ist bei der privaten Grundschule The Living School in Paris oder dem Happy-Panda Projekt in Berlin zu Gast, wo versucht wird, vier bis elfjährigen einen bewussteren Umgang mit den eigenen, oft aufbrausend und unkontrollierten Emotionen beizubringen oder beobachtet die Arbeit beim französischen Fußballverband, der in Zusammenarbeit mit der Schweizer Stiftung Education 4 Peace als erster Sportverband Achtsamkeit auf den Lehrplan gesetzt hat.
 
Meist ähneln sich die Ansätze weitestgehend, wiederholen sich Bilder von Jugendlichen und Erwachsenen, die mit geschlossenen Augen beim in sich horchen gezeigt werden, dazu kurze Interviews mit den Übungsleitern, die vom großen Erfolg dieser neuen Methoden berichten. Und tatsächlich verblüfft es bisweilen, kaum fünf- oder sechsjährige Kinder zu hören, die mit erstaunlicher Ruhe und Reflektion über sich und ihre Gefühle berichten, davon, wie sie als negativ wahrgenommene Emotionen unterdrücken, um nur nicht zu explodieren. Fast unkindlich wirken sie da manchmal, erwachsen, bedacht und tatsächlich sehr achtsam.
 
Michael Meyns