Daughter Of Mine – Figlia Mia

Zwischen zwei Frauen, zwischen zwei Müttern, ihrer leiblichen und ihrer emotionalen, steht die 9jährige Vittoria in Laura Bispuris zweiten Film „Figlia Mia“, der im Wettbewerb der Berlinale Weltpremiere hatte. Ein dichtes, emotional aufwühlendes Drama, geprägt von drei Frauen, die mal stark, mal schwach agieren.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Italien 2018
Regie & Buch: Laura Bispuri
Darsteller: Valeria Golino, Alba Rohrwacher, Sara Casu, Michele Carboni, Udo Kier
Länge: 100 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 7. Juni 2018

FILMKRITIK:

Auf der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien, fern der Touristenströme, leben die drei Frauenfiguren von Laura Bispuris Drama „Figlia Mia.“ Vittoria (Sara Casu) ist die leibliche Tochter von Angelica (Alba Rohrwacher), einer ungezügelten, haltlosen Person, die oft zu manisch wirkenden Anfällen neigt, in der örtlichen Kaschemme trinkt und sich von wechselnden Männerbekanntschaften aushalten lässt.
 
Aufgewachsen ist Vittoria dagegen bei Tina (Valeria Golina), die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Umberto (Michele Carboni) ein ruhiges Leben führt, in der Fischfabrik arbeitet und Vittoria liebt, als wäre sie ihr eigenes Kind. Doch nun wird Vittoria bald zehn, ähnelt mit ihren gelockten, rötlichen Haaren immer mehr Angelica, mit der Tina einst einen Pakt schloss, der sich langsam offenbart.
 
Um Vittoria ein besseres Leben zu geben, als die unzuverlässige Angelica es könnte, übernahm Tina die Verantwortung für das Kind, versprach dafür, Angelica immer zur Seite zu stehen, wenn diese Hilfe benötigt. Ein Versprechen, das sie nun nicht mehr halten kann, denn Angelica hat hohe Schulden. Zunächst will sie deswegen die Insel verlassen, doch vorher noch ein wenig Zeit mit ihrer Tochter verbringen. Doch aus einem Tag werden schnell mehr, bald beginnt Angelica Vittoria immer mehr zu beeinflussen, sie immer mehr zu ihrem Abbild zu formen, Änderungen, die auch Tina bemerkt und die ihr Angst machen.
 
Schon in ihrem Debütfilm „Sworn Virgin“ hatte Laura Bispuri von einer Frau erzählt, die in markanter Landschaft nach ihrer Identität sucht. Eine Thematik, die sie in „Figlia Mia“ variiert und ausbaut. Nicht nur eine Frau beobachtet sie, sondern ein Trio, drei Frauen, die in einer von Männern dominierten Welt leben. Zwischen Fabrik, heruntergekommener Kaschemme, dem ebenso verfallenen Haus von Angelica und den kargen, von der Sommersonne ausgeblichenen Landschaften Sardiniens bewegen sich diese Frauen und suchen ihre Rollen in der Gesellschaft.
 
Und dazu gehört gerade hier nicht zuletzt die Mutterrolle, die Tina nur durch die quasi Adoption von Vittoria erfüllen kann, während Angelica nichts weniger will, als Verantwortung für einen anderen Menschen zu haben. Zwischen den beiden steht die 9jährige Vittoria, eigentlich noch ein Kind, doch so wie Sara Casu sie in ihrer ersten Rolle spielt, eine Person von schon erstaunlicher Reife und Stärke. Langsam realisiert sie, wer ihre wirkliche Mutter ist, Gefallen an dem anderen, wilderen und dadurch auch aufregenderen Leben, findet, dass ihr Angelica zeigt, sieht sich immer mehr zwischen den beiden Frauen, ihren so unterschiedlichen Müttern bzw. Mutterfiguren hin- und hergerissen. Diese wiederum (der Film lässt es offen, ob es sich um Schwestern oder nur alte Freundinnen handelt) beginnen sich zunehmend zu ähneln: Die anfangs noch so unkontrolliert wirkende Angelica findet durch die Nähe zu Vittoria zu Halt, während die anfangs so souverän wirkende Tina durch den drohenden Verlust Vittorias zunehmend fragil wirkt.
 
Fast unerbittlich wirkt es oft, wie Bispuri die Handkamera auf ihre Figuren hält, sie unter der gleißenden Sonne Sardiniens leiden lässt, ihre zunehmend bloßliegenden Emotionen einfängt. Unausweichlich bewegt sich die Handlung dabei auf einen extremen Moment zu, eine Konfrontation der drei Frauen, an deren Ende sich überraschenderweise, vielleicht aber auch nicht, die Jüngste als stärkste, besonnenste erweist und diesem dichten, wuchtigen Drama zu einem konsequenten Ende verhilft.
 
Michael Meyns