David Hockney in der Royal Academy of Arts

Fast fühlt sich „David Hockney in der Royal Academy of Arts“ wie ein persönlicher Rundgang mit dem Künstler selbst an, mit dem Vorteil, dass keine Menschenmassen den Blick auf die Werke eines der bedeutendsten Künstler der Gegenwart stören. Keine klassische Dokumentation ist Phil Grabskys Film, sondern Teil eines Versuchs, neue Zuschauergruppen ins Kino zu locken.

Webseite: www.seventh-art.com

Dokumentation
GB 2017
Regie & Buch: Phil Grabsky
Länge: 85 Minuten
Verleih: Seventh Art
Kinostart: 21. Januar 2018

FILMKRITIK:

Immer mehr berühmte Institutionen nutzen ihren Ruf und übertragen Bühnenaufführungen weltweit in Kinos. Ballettaufführungen des Bolschoi-Theaters gibt es da zu sehen, Symphoniekonzerte der Berliner Philharmoniker oder Opernaufführungen des Londoner Royal Opera House. Perfekte Bild- und Tonqualität haben diese Übertragungen, doch die Atmosphäre der Liveaufführungen fangen sie natürlich nicht ein. Andererseits ermöglichen sie Menschen, die sonst kaum einmal Gelegenheit hatten vor Ort die berühmten Ensembles zu sehen, zumindest eine Annäherung.

Ähnliches versucht die Reihe Exhibition on Screen mit der Welt der bildenden Kunst. Initiiert von Phil Grabsky, der auch hier Regie führt, erschienen bislang meist recht konventionelle Dokumentation über Vertreter der klassischen Moderne, von Monet über Kandinsky bis van Gogh. Das ungewöhnliche und spannende an „David Hockney in der Roal Academy of Arts“ ist nun, dass zum ersten Mal ein lebender Künstler im Mittelpunkt steht und vor allem nicht ein Gesamtwerk gezeigt wird, sondern zwei Ausstellungen mit aktuellen Arbeiten des Künstlers.

Beide fanden in der Londoner Royal Academy of Art statt, deren Mitglied der inzwischen 80jährige David Hockney seit 1991 ist. Zusammen mit Zeitgenossen wie Lucian Freud oder Francis Bacon zählt Hockney zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart und wurde in den Nachkriegsjahren nicht zuletzt deswegen berühmt, weil er zurück zur figurativen Malerei fand, die in den Jahren des abstrakten Expressionismus ein wenig in Verruf geraten war.

In zwei Ausstellungen, die 2012 bzw. 2016 stattfanden, präsentierte Hockney nun neue Arbeiten, in „A bigger Picture“ in erster Linie Bilder seine Heimat Yorkshire, in die er nach dem Tod seiner Mutter zum ersten Mal seit langer Zeit zurückkehrte. 2016 zeigte er dann 82 Porträts von teils berühmten Freunden und Kollegen, teils aber auch Menschen aus seiner Umgebung, die er alle vor dem selben Hintergrund, alle auf einem Stuhl sitzend porträtierte.

Anlässlich der Ausstellungen führten Tim Marlow, künstlerischer Leiter der Royal Academy of Arts und die Kuratorin Edith Devaney lange Gespräche mit Hockney, in denen er über die Entwicklung seiner Technik und Motive berichtet, über die Entdeckung neuer Techniken, wie dem Malen auf einem iPad, der Abgrenzung zur Fotografie und vieles andere.

Besonders spannend ist es nun, wenn Marlow und Hockney durch die Räume der Royal Academy streifen, die ausnahmsweise vollkommen leer sind und Hockney persönlich seine Kunst erklärt. Wie eine persönliche Führung mit dem Künstler wirkt dies, gibt dem Zuschauer die Möglichkeit aus erster Hand zu erfahren, warum bestimmte künstlerische Entscheidungen getroffen wurden, diese oder jene Farbe gewählt wurde. An die Aura eines echten Museumsbesuchs reicht das zwar nicht heran, Gemälde auf der Leinwand zu sehen ist ebenso wie das betrachten eines Bildbandes nur ein Ersatz für das Original, dafür hat der Rundgang im Kinosessel den Vorteil, dass das Drängen durch die Menschenmassen einer beliebten Sonderausstellung erspart bleibt.

Michael Meyns