Degas – Leidenschaft für Perfektion

Die 6. Staffel der Kunst im Kino-Reihe Exhibition on Screen beginnt mit „Degas – Leidenschaft für Perfektion“, deren Ausgang zwar die umfangreichste Sammlung mit Werken des französischen Impressionisten auf der britischen Insel ist, sich aber bald zu einer eigenständigen, klassischen Dokumentation entwickelt.

Webseite: exhibitiononscreen.com

Dokumentation
Degas: Passion for Perfection
GB 2018
Regie: David Bickerstaff
Buch: David Bickerstaff & Phil Grabsky
Länge: 85 Minuten
Verleih: Exhibition on Screen
Kinostart: 20. Januar 2019

FILMKRITIK:

Im Fitzwilliam Museum in der englischen Universitätsstadt Cambridge beginnt David Bickerstaffs Film „Degas – Leidenschaft für Perfektion“, mit dem die Kunst im Kino-Reihe Exhibition on Screen fortgesetzt wird. In den meisten der bisherigen Filme standen große Sonderausstellungen zu einzelnen Aspekten oder Phasen des Werks von renommierten Künstlern wie van Gogh, Picasso, Cézanne oder Renoir im Mittelpunkt der Filme, die quasi einen Besuch im Museum zumindest ansatzweise ersetzten.
 
Diesmal geht Bickerstaff – einer der Stammregisseure der Reihe – jedoch einen anderen Weg. Zwar befinden sich im Fitzwilliam Museum Werke aus allen Phasen des Werkes Degas, Gemälde, Zeichnungen und auch Skulpturen, doch der Aufenthalt im Museum in Cambridge selbst ist nur der Beginn einer Spurensuche, die bald in Degas Heimatstadt Paris führt, wo der Künstler 1834 geboren wurde und 1917 starb, aber auch nach Italien, wo Degas viele Jahre verbrachte und sich in autodidaktischer Arbeit selbst das Malen beibrachte.
 
Ein Streben nach Perfektion ist, wie schon der Titel verrät, der rote Faden des Films, der Versuch nachzuzeichnen, worin Degas künstlerischer Ansatz lag und wie sich dieser von seinen Zeitgenossen, den Impressionisten, unterschied, denen er zwar im weitesten Sinne zugerechnet wird, von denen er sich jedoch in vielem unterschied: In seiner Liebe zur Porträt-Malerei etwa, die sich durch sein gesamtes Oeuvre zieht, aber auch durch seine exakte Linienführung, die seine Gemälde viel klarer erscheinen lassen als etwa die farbgesättigten, wie hingeworfen, eben klassisch impressionistisch wirkenden Werke van Goghs.
 
Durch Interviews mit Kunsthistorikern und zahlreichen Auszügen aus Briefen und Texten Degas selbst, zeichnet David Bickerstaff das Bild eines sich fortwährend hinterfragenden Künstlers, der selten mit einem Werk zufrieden war. So weit ging diese Suche nach Perfektion, dass Degas bisweilen gar Werke zurückforderte, um sie verändern, in seinen Augen wohl verbessern zu können. Kaum ein Künstler hinterließ daher wenig überraschend auch so viele unvollendete Werke wie Degas.
 
Besonders tragisch mutet so an, dass der lebenslange Drang nach Perfektion durch die zunehmend schlechtere Sehkraft Degas untergraben wurde. Schon früh begannen seine Augen schwächer zu werden, in seinen letzten Jahren muss er fast blind gewesen sein, auch dies ein Grund, warum er in seiner letzten Schaffensperiode verstärkt an Skulpturen arbeitete. Besonders berühmt sind hier die Statuen von Balletttänzerinnen, ein Sujet, das neben Pferden und Badeszenen zu den bekanntesten Degas zählt.
 
Doch auch hier geht Degas eigene Wege und verweigerte Zeit seines Lebens das Gießen seiner Skulpturen in Bronze oder Gold. Dadurch wären seine Entwürfe fixiert worden, wäre es unmöglich gewesen, weiter an ihnen zu arbeiten. So entstanden die berühmten Abgüsse von Skulpturen, besonders der „Vierzehnjährigen Tänzerin“, erst nach Degas Tod, im Auftrag seiner Erben. Eine davon ist ebenfalls im Fitzwilliam Museum zu bewundern, wo die informative Reise durch Leben und Werk eines der großen Künstler des späten 19. Jahrhunderts endet.
 
Michael Meyns