Der glücklichste Tag im Leben von Olli Mäki

In körnigem Schwarz-Weiß erzählt Regisseur Juho Kuosmanen in seinem bestechend, romantischen Boxer- und Liebesdrama mit leisem Humor von unverfälschten Gefühlen. Nicht umsonst erhielt der finnische Newcomer für seine unaufgeregte Ode an die Liebe in Cannes den Hauptpreis in der Nebenreihe Un Certain Regard. Im Mittelpunkt seines ungewöhnlichen, nostalgischen Sportfilms steht der vielversprechende Leichtgewichtsboxer Olli Mäki, der die einmalige Chance auf einen WM-Titelkampf bekommt. Doch dann macht ihm ausgerechnet die Liebe einen Strich durch die Rechnung. Nach den Kult-Brüdern Aki und Mika Kaurismäki ein würdiger Nachfolger als neue Stimme des lakonischen, finnischen Kinos.

Webseite: www.camino-film.com

Finnland, Schweden, Deutschland 2016
Regie: Juho Kuosmanen
Drehbuch: Mikko Myllylahti, Juho Kuosmanen
Darsteller: Jarrko Lahti, Oona Airola, Eero Milonoff, John Bosco Jr., Joanna Haarti, Esko Barquero, Elma Milonoff, Leimo Leisti, Hilma Milonoff, Olli Rahkonen, Joonas Saartamo, Henrik Palosaari, Sam-Peter Hirvikangas, Antti Naakka, Niklas Hyvärinen.  
Kamera: J-P Passi
Länge:  92 Minuten
Verleih:  Camino Filmverleih
Kinostart: 5. Januar 2017
 

FILMKRITIK:

Der vielversprechende 26-jährige Leichtgewichtsboxer Olli Mäki (Jarkko Lahti) bekommt die einmalige Chance auf einen WM-Titelkampf gegen den bislang unbesiegten US-Titelverteidiger Davey Moore (John Bosco Jr.) in Helsinki. Dafür muss der junge Athlet aber auch einiges leisten. Vor allem zwei Gewichtsklassen ins Federgewicht, das bis 57 Kilo erlaubt, absteigen. Um sich die vier Kilos abzutrainieren, verlässt er sein Heimatdorf Kokkola und macht sich auf den Weg in die Hauptstadt. Dort kümmert sich sein Manager Elis Ask (Eero Milonoff), selbst ein ehemaliger Weltmeister, der jetzt aber verschuldet ist, um den blonden, schüchternen Sportler.
 
Doch Elis staunt nicht schlecht, als der seine frischgebackene Verlobte Raija (Oona Airola) mitbringt. Wohl oder übel quartiert er das Paar in das Kinderzimmer seiner Wohnung ein. Dass Olli die Liebe dazwischenkommt, treibt den cleveren Manager um. Denn schließlich soll der sportliche Erfolg samt ehrgeizigem Wettkampf im Vordergrund stehen. Außerdem verspricht er sich von einem möglichen finnischen Champion stolze Einkünfte. Mit Argusaugen beobachtet der Trainer die frische Beziehung, damit sein Schützling vor dem großen Kampf nur ja nicht abgelenkt wird.
 
Unermüdlich baut er Olli zum nationalen Symbol, zum Hoffnungsträger auf. Der Druck auf den sympathisch, zurückhaltenden Träumer wächst. Olly fühlt sich unwohl im Rampenlicht, beim Shakehands mit Sponsoren und vor den Kameras der Sportpresse. Kämpferisch, siegesgewiss und entschlossen soll er im Medienzirkus auftreten. Doch zum Entsetzen seines Coachs gibt er auf einer Pressekonferenz wenig druckbare Zitate von sich. „Falls ich verliere, muss ich diese Niederlage wenigstens nicht beim Kampf gegen einen schlechten Boxer einstecken“, antwortet er bescheiden auf die Fragen der eifrigen Reporter.
 
Der finnische Newcomer Juho Kuosmanen interpretiert das Genre Sportfilm bestechend anders und verweigert sich dem üblichen Image. Ihm geht es nicht um die gängigen Underdog- und maskulinen Heldengeschichten aus diesem Metier. Sein Protagonist ist weder ein Rocky wie Sylvester Stallone noch gewalttätiger Raging Bull aus Martin Scorses Kultfilm „Wie ein wilder Stier“. In körnigem Schwarz-Weiß samt langen, ruhigen Einstellungen entwickelt der talentierte Regisseur seine unaufgeregte Ode an die Liebe.
 
Das nostalgische Debüt im authentischen 1960er-Jahre-Look erzählt mit leisem Humor von unverfälschten Gefühlen. Dabei kann Juho Kuosmanen sich auf seinen Hauptdarsteller Jarrko Lahti verlassen. Er verkörpert die Verletzlichkeit des sensiblen Boxstar, dem es nicht stur ums Gewinnen geht, äußerst glaubhaft. Zusammen mit dem unverbrauchten Charme von Oona Airola siegt am Ende, gegen alle Erwartungen, die Zuneigung über Ehrgeiz und Wettkampf. Nach den Kult-Brüdern Aki und Mika Kaurismäki scheint mit Kuosmanen ein würdiger Nachfolger als neue Stimme des lakonischen, finnischen Kinos gefunden.
 
Luitgard Koch