Der Nussknacker und die vier Reiche

Das 1816 veröffentlichte Kunstmärchen „Nussknacker und Mäusekönig“ des Romantikers E.T.A. Hoffmann inspirierte Tschaikowski zum klassischen „Nussknacker“-Ballett und diente bereits mehrfach als Vorlage für Animationsfilme, darunter die kanadische Produktion „Der Nußknacker-Prinz“ (1990) und eine „Barbie“-Version aus dem Jahr 2001. Nun kommt eine groß produzierte Disney-Realfilmadaption unter der Doppel-Regie von Joe Johnston und Lasse Hallström ins Kino, die mit fantasievoll ausgestalteten Sets und einer schlagfertigen Protagonistin verzaubert. Ein perfekter Familienfilm für einen vorweihnachtlichen Kinobesuch.

Webseite: disney.de

OT: The Nutcracker and the Four Realms
USA 2018
Regie: Lasse Hallström, Joe Johnston
Darsteller/innen: Mackenzie Foy, Jayden Fowora-Knight, Keira Knightley, Matthew MacFadyen, Morgan Freeman, Helen Mirren, Tom Sweet
Laufzeit: 99 Min.
Verleih: Walt Disney
Kinostart: 1. November 2018

FILMKRITIK:

Die junge Londonerin Clara (Mackenzie Foy) verbringt den Weihnachtsabend mit ihrem Vater, der Schwester und ihrem kleinen Bruder. Die besinnliche Stimmung wird jedoch von der Trauer um die verstorbene Mutter überschattet. In deren Auftrag händigt der Vater den Kindern Weihnachtsgeschenke aus, die zugleich Abschiedsgeschenke sind. Clara bekommt eine goldene Schatulle in Form eines Eis, zu der allerdings der passende Schlüssel fehlt.
 
Auf der Suche nach dem Schlüssel verschlägt es Clara unter Zutun ihres Patenonkels Drosselmeyer (Morgan Freeman) in eine magische Parallelwelt. Claras Mutter regierte hier einst als Königin, weswegen das Mädchen von den kauzigen Bewohner/innen, darunter der treue Nussknacker-Soldat Phillip (Jayden Fowora-Knight) und die quirlige Zuckerfee (Keira Knightley), sofort als Prinzessin hofiert wird. Während im Land der Schneeflocken, im Land der Blumen und im Land der Süßigkeiten Eintracht herrscht, regiert die abtrünnige Mutter Gigoen (Helen Mirren) den vierten Teil des Königreichs. Clara akzeptiert ihre Rolle als Anführerin und zieht in den Kampf gegen Gigoen.
 
Das von den versierten Regisseuren Joe Johnston („Jumanji“, „Wolfman“) und Lasse Hallström („Gottes Werk & Teufels Beitrag“, „Chocolat“) inszenierte Fantasy-Abenteuer bietet kreativ ausgestaltete Sets und eine opulente Ausstattung mit pompösen Ballkleidern, prächtigen Frisuren und viel Kerzenschein. Schon der eröffnende Kameraflug über London verdeutlicht, dass der neue Disneyfilm mit standesgemäßem Aufwand produziert wurde. Das Ergebnis steht den neueren Realfilmadaptionen zu „The Jungle Book“ oder „Die Schöne und das Biest“ in nichts nach und erinnert mit der magischen Parallelwelt an die Klassiker „Der Zauberer von Oz“ und „Alice im Wunderland“.
 
Der berührende Score von James Newton Howard („Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“) und Auszüge aus dem Tschaikowski-Ballett führen die visuelle Raffinesse auf der Tonspur fort. Ein musikalischer Höhepunkt ist eine Ballett-Aufführung, die die Geschichte des Königreichs resümiert und die typischen Disney-Gesangseinlagen ersetzt.
 
Die Newcomerin Mackenzie Foy („Conjuring“, „Interstellar“) stemmt die Rolle der Protagonistin mit Bravour und profitiert von der modernen Ausrichtung der Figur. Wo Märchenprinzessinnen oft auf die Rettung durch einen Prinzen warten, tritt die smarte Clara als mutige und wehrhafte Heldin in Aktion. Anders als ihre Schwester, die sich für Mode und Mädchensachen begeistert, tüftelt Clara an technischen Geräten und nutzt ihr physikalisches Wissen, um das Königreich zu retten. Zwar braucht auch Clara den Zuspruch des Nussknacker-Soldaten Phillip, um das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln, tritt aber jederzeit als treibende Kraft auf. Passenderweise trägt sie die meiste Zeit über kein Prinzessinnenkleid, sondern eine militärische Nussknacker-Uniform.
 
Im Kern handelt der Plot von Claras Trauer um die Mutter und der Suche der Heranwachsenden nach einer eigenen Identität. Dadurch erhält das Märchenabenteuer über die audiovisuelle Opulenz hinaus einen emotionalen Anker. So entsteht ein ästhetisch runder, gefühlvoller und zeitgemäßer Disneyfilm für die ganze Familie.
 
Christian Horn