Der Palast des Postboten

Eine der schönsten Überraschungen des fast beendeten Kinojahres: Das französische Drama von Nils Tavernier erzählt die herzerwärmende Geschichte eines Landbriefträgers, der um 1900 herum ganz allein einen märchenhaften Palast für seine Tochter baut. Das sensibel komponierte Drehbuch mit vielen bewegenden Momenten, eine Schar wunderbarer Darsteller, die inspirierte Bildsprache … all das zusammen sorgt für eine unvergleichliche Atmosphäre. Genau das Richtige für einen winterlichen Kinoabend inklusive Rührungstränchen und Glücksseufzer.

Webseite: nfp-md.de

Originaltitel: L'incroyablehistoire du FacteurCheval
Frankreich 2017
Regie: Nils Tavernier
Drehbuch: Fanny Desmarès, Nils Tavernier, Laurent Bertoni
Darsteller: Jacques Gamblin, Laetitia Casta, Bernard Le Coq, Florence Thomassin, Natacha Lindinger, Zélie Rixhon, Louka Petit-Taborelli
Verleih: NFP
Start: 19. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Ein Postbote, der über mehr als 30 Jahre Steine sammelt, um daraus mit eigenen Händen einen Palast, den „Palais idéal“, für seine Tochter zu bauen– das ist so eine unglaubliche Story, so etwas kann man sich gar nicht ausdenken. Und tatsächlich gibt es sowohl den Palast als auch die Geschichte dahinter: Nils Tavernier, der mittlerweile zumindest in Frankreich sehr bekannte Sohn von Bertrand Tavernier, setzte den Film kunstgerecht in Szene und schrieb mit am Drehbuch. Dabei geht es um den spektakulären Bau an sich, vor allem aber um die Persönlichkeit eines Mannes, für den das Attribut menschenscheu noch stark untertrieben scheint. Dieser Landbriefträger, der täglich viele Kilometer bergauf, bergab, über Stock und Stein, durch Wind und Wetter geht, ist ein Phänomen. Er spricht kaum ein Wort, schon gar nicht über Gefühle. Doch er läuft und läuft, und irgendwann, als er Vater einer Tochter wird, erwacht in ihm der Gedanke, seiner Liebe zu ihr dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er sie und damit auch sich selbst mit einem selbstgebauten Palast unsterblich macht, der vielleicht auch symbolhaft für seinen Geisteszustand ist: ein Irrgarten aus verschiedensten Räumen, verschnörkelt und verschachtelt, verziert mit wuchernden Gesteinsranken, bizarren Reliefs, erstaunlichen Figuren und wundersamen Ornamenten – eine Stein gewordene Fantasie, irgendwo zwischen Wunsch- und Alptraum. So sammelt er Stein für Stein, mischt Kalk und Sand, baut wackelige Gerüste aus Holz, errichtet Wände und zieht Decken, er formt skurrile Figuren aus Ton und Kalk, die er mit Draht stabilisiert, er baut Grotten, Höhlen, Säle und Tempel, inspiriert von Bauten aus vielen Regionen der Welt, die er von Postkarten kennt, und von seiner eigenen Vorstellungskraft. Gegen alle Widrigkeiten baut Ferdinand Cheval an seinem Lebenswerk, er kümmert sich weder um das Gespött noch um die Anfeindungen im Dorf, sondern verfolgt sein Ziel mit starrköpfiger Beharrlichkeit. Sein Werk ist am Ende ein surrealistischer Prachtbau, verehrt von zeitgenössischen Künstlern und Architekten, deren Begeisterung angesichts der Leistung des Bau-Amateurs Cheval keine Grenzen kennt. Sie alle fragen sich, woher Ferdinand Cheval als einfacher Mann ohne entsprechende Ausbildung die erforderlichen Kenntnisse hat, und woher er die Kraft nimmt, neben seiner anstrengenden Arbeit als Postbote an seinem Palast zu bauen. Es sind nicht nur die rohen Zwiebeln, die er täglich wie Äpfel isst, sondern vor allem ist es die Liebe, die ihn antreibt, die unendliche Liebe zu seiner Tochter Alice, die früh stirbt, und zu seiner Frau Philomène, die ebenfalls allzu jung sterben muss. Nicht nur für die Liebe, auch für die Trauer findet er keine Worte, er baut einfach weiter. Sein Vorhaben, sich im Palast begraben zu lassen, scheitert an den Gesetzen. So beginnt der fast 80-Jährige mit dem Bau einer Miniaturausgabe seines Traumschlosses auf dem Dorffriedhof. Sieben Jahre wird er dafür benötigen, und sein Traum wird in Erfüllung gehen: Das Monument seiner Liebe wird ihn unvergesslich machen.
 
Ein Film wie aus einem Guss, anrührend und dennoch frei von Kitsch und Schmalz. Manches ist auf liebenswerte Weise komisch, vieles ist reine Poesie, aber die von der besten Sorte, und das ist die Poesie, die das Leben schreibt. Ein Mann, der seine Emotionen nicht aussprechen kann, erschafft sich selbst ein Gebäude dafür, das so tragisch, so kitschig, spannend, verspielt, verwirrend und witzig ist wie die Fährnisse der menschlichen Existenz an sich. Nur seine Frau Philomène versteht ihn, und zwar vom ersten Moment an. Sie unterstützt ihn mit aller Kraft, denn sie weiß, dass die Arbeit am Palast für ihn das einzige Mittel ist, um mit Freude und Glück, Wut und Trauer zurechtzukommen. Laetitia Casta spielt die Philomène mit sensiblem Charme, als kluge, ruhige Frau, die genau hinschaut und Ferdinands Qualitäten vor allen anderen erkennt, ihn selbst eingeschlossen, sie geleitet und begleitet ihn sanft, aber nachdrücklich. Ihr Umgang mit dem Leben ist pragmatisch, ihre Welt ist überschaubar und vernünftig, während Ferdinand im wahrsten Sinne des Wortes nach Höherem strebt. Den scheuen Einzelgänger Ferdinand Cheval spielt Jacques Gamblin in einer darstellerischen Glanzleistung, und zwar nicht nur, weil er einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren abdeckt. Er gibt dem scheinbar ungelenken, menschenscheuen und bis an den Rand des Erträglichen zurückhaltenden Postboten, den man heute einen solipsistischen Nerd nennen könnte, genau die richtige Art von Energie, die ihn dann doch extrem liebenswert macht. Man versteht diesen einfach gestrickten, aber tatsächlich tiefgründigen, hochgradig kreativen Mann, der für das, was er denkt und fühlt, keine Worte findet und stattdessen zu bauen beginnt: sein Beitrag für die Ewigkeit, ein fantasievolles Denkmal der Liebe, der „Palais ideal du facteurCheval“.
 
Gaby Sikorski