Der Papst ist kein Jeansboy

Hermes Phettberg nennt sich der als Josef Fenz geborene österreichische Exzentriker, Künstler, Selbstdarsteller, den Sobo Swobodnik in seiner Dokumentation „Der Papst ist kein Jeansboy“ porträtiert. Der Widerspruch dieses Namens, der zwischen Wunsch und schonungsloser Wahrheit schwankt, deutet schon an welch, schwierige, komplexe Figur hier im Mittelpunkt steht.

Webseite: www.wfilm.de/der-papst-ist-kein-jeansboy

Deutschland 2011 – Dokumentation
Regie: Sobo Swobodnik
Länge: 75 Minuten
Verleih: w-film Verleih
Kinostart: 2. Juli 2015
 

FILMKRITIK:

Auch in Deutschland war Hermes Phettberg Mitte der 90er kurze Berühmtheit beschert: Damals strahlte 3 Sat seine Talkshow-Satire Nette Leit Show aus, die Phettberg vor allem dazu diente, eigene sexuelle Neurosen schonungslos auszubreiten. Überhaupt der Sex: Als bekennender Sadomasochist gründete Phettberg in den 80er Jahren die Sadomasochismusinitiative Wien und ließ sich für eine Kunstaktion schon mal nackt an den Boden eines Museums ketten und lieferte sich ganz den Phantasien der Besucher aus. Bei all dem muss man erwähnen, dass Phettberg seinen Künstlernamen bewusst gewählt hat: 170 Kilo brachte er einst auf die Waage, trug dazu lange, fettige Haare, hatte schon den Ansatz eines Buckels und passte nur in aus drei Jeans zusammengenähte Hosen, wie er in einem denkwürdigen Auftritt in der Harald Schmidt Show zum besten gab.

Dass der ebenso intelligente wie zynische Schmidt Phettberg als quasi gleichgesinnten betrachtete, ihn als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnete sagt einiges über die Wirkung von Phettberg aus. Doch das ist lange her. Zum Zeitpunkt des Drehs für Sobo Swobodniks Dokumentation „Der Papst ist kein Jeansboy“ hatte Phettberg diverse Schlag- und Hirnanfälle hinter sich, hatte 100 Kilo Gewicht verloren, was seinen Körper in eine bizarre Masse an Hautlappen verwandelt hat, hinzu kommt ein eingeschränktes Funktionieren der Sprache, die ihn fast jeden Satz zigmal wiederholen lässt. Eine tragische Figur ist dieser Mann, der inzwischen von Sozialhilfe lebt, Essen auf Rädern bezieht und seine Wohnung nur noch selten verlässt. Und wenn, dann muss er alle paar Hundert Meter urinieren, was er völlig ungeniert Mitten auf der Straße verrichtet.

Dass „Der Papst ist kein Jeansboy“ dennoch keine zynische Nabelschau geworden ist, kein Bloßstellen einer tragischen Gestalt liegt vor allem daran, dass Phettberg ein schamloser Selbstdarsteller ist, der von der Entblößung lebt, von der Aufmerksamkeit, auch dem Ekel, den er erweckt. Doch hinter dem wenig anziehenden, ja geradezu bewusst abstoßend zur Schau gestelltem Äußeren verbirgt sich ein wacher Geist, der in seinen Texten und Kolumnen der Gesellschaft den Spiegel vorhält ist die andere Seite einer Persönlichkeit, die auch Swobodnik kaum zu fassen bekommt.

Wobei dem Regisseur auch kein klassischer biographischer Dokumentarfilm vorschwebt: Die Vergangenheit Phettbergs bleibt weitestgehend außen vor, sporadische Treffen mit den wenigen verbliebenen Freunden deuten manches an, gelegentliche Äußerungen, dass er jetzt keine der geliebten Jeansboys mehr abbekommt tun ihr übrigens. Schon ein früherer Dokumentarfilm über ihn hieß „Hermann Phettberg, Elender“, was auch bei „Der Papst ist kein Jeansboy“ der erste Gedanke ist. Zu heruntergekommen wirkt das Leben Phettbergs, zu groß scheint das Leid eines Mannes zu sein, der stets Aufmerksamkeit wollte und sie mit allen Mitteln bekam. Ob er damit glücklich ist? Das ist eine Frage, die Sobo Swobodniks Film weder stellt noch beantworten kann.
 
Michael Meyns