Der verlorene Sohn – Boy Erased

Ein junger Mensch wird in einem Umerziehungscamp von sadistischen Aufsehern einer brutalen Gehirnwäsche unterzogen, um seinen Willen zu brechen. Nordkorea? Eine Diktatur? Eine Sekte? Nein, die USA im 21. Jahrhundert! Basierend auf dem autobiografischen Roman von Garrard Conley, schildert das höchst bewegende Drama die Leidensgeschichte des 19-jährigen Jared, der von seinem streng religiösen Vater gezwungen wird, an einer Konversionstherapie teilzunehmen, um von seiner Homosexualität „geheilt“ zu werden. Nach vielen Demütigungen beginnt der Teenager zu rebellieren und für ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu kämpfen. Zum Glück ganz ohne larmoyante Rechthaber-Attitüde gelingt ein packendes Plädoyer gegen religiösen Fanatismus und Intoleranz. An der Seite von Nicole Kidman und Russell Crowe liefert Lucas Hedges als sensibler Held eine grandiose Vorstellung, deren Wahrhaftigkeit unter die Haut geht. Nicht nur auf ihn dürften Oscars warten.

Webseite: upig.de

USA 2018
Regie: Joel Edgerton
Darsteller: Lucas Hedges, Nicole Kidman, Russell Crowe, Joel Edgerton, Xavier Dolan, Troye Sivan, Britton Sear, Joe Alwyn, Flea
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Universal Pictures International Germany 
Kinostart: 21.2.2019

FILMKRITIK:

„Ich wünschte, das wäre nie passiert!“, vertraut sich der Erzähler gleich zu Beginn dem Zuschauer an. Tatsächlich steht dem 19-jährigen Jared (Lucas Hedges) eine Leidensgeschichte bevor, die man in aufgeklärten Gesellschaften für ausgesprochen absurd halten dürfte – von der in den USA jedoch (laut Abspann) tatsächlich über 700.000 Menschen betroffen waren. Mit sogenannten Konversionstherapien sollen Schwule und Lesben von ihrer Homosexualität „geheilt“ werden. Religiöse Fanatiker stecken hinter diesem menschenverachtenden System. Der junge Garrard Conley hat seine bitteren Erfahrungen dieser Gehirnwäsche in einem aufsehenerregenden Roman verarbeitet, der als Vorlage für dieses Drama dient.
 
Jared ist ein ganz normaler Teenager. Vielleicht ein wenig sensibler und allemal religiöser als andere. Sein Vater Marshall (Russell Crowe), ein Autohändler und Baptisten-Prediger, reagiert stolz als der Sohn ein Date mit einem hübschen Mädchen hat. Mutter Nancy (Nicole Kidman) bleibt stets ein bisschen besorgt, selbst den Arm soll das einzige Kind nicht aus dem Autofenster lehnen, weil das gefährlich sein könnte. Dann stürzt die heile Familienwelt in der Südstaaten-Provinz plötzlich in eine schwere Krise. Die Schulleitung wirft Jared vor, er habe am College einen Mitschüler verführt. Die Eltern reagieren schockiert. Der Teenager bestreitet den Vorfall. Für den Vater gibt es nur einen Ausweg: Mit Konversionstherapie soll der Sohn von seiner Homosexualität „geheilt“ werden. „Willst du dich aus tiefstem Herzen ändern?“ fragt der besorgte Prediger. Verwirrt über die eigenen Gefühle stimmt Jared dem Plan zu und reist mit der Mutter in das Umerziehungscamp.

Zwölf Tage soll die Therapie dauern. Schon gleich zu Beginn werden die rüden Methoden im „Love and Action“-Zentrum deutlich. Jared muss Handy und Tagebuch abgeben, im Unterschied zu anderen Teilnehmern darf er abends immerhin nach draußen und im Hotel bei seiner Mutter übernachten. „Schwul geboren ist eine Lüge!“ wettert Kursleiter Viktor Sykes (gespielt von Regisseur Joel Edgerton), der mit Beschimpfungen und Demütigungen ein Klima ständiger Angst schafft und auch vor körperlichen Misshandlungen nicht zurückschreckt. „Fake it until you make it!” rät ein Leidensgenosse dem Neuen. Nur nicht auffallen und klaglos alles mitmachen. Für den sensiblen Jared wird der Psychoterror immer unerträglicher. Nach einem Streit mit dem selbsternannten Therapeuten Sykes eskaliert die Lage dramatisch. Verzweifelt ruft der Sohn seine Mutter an, die eine weitreichende Entscheidung treffen muss.  
 
Vier Jahre danach berichtet Jared in der New York Times über die skandalösen Zustände solcher Umerziehungscamps. Der Artikel sorgt für großes Aufsehen – nur der eigene Vater will davon nichts wissen. Mit einer unbeholfenen Geste schenkt er dem kommenden Schriftsteller einen Füller aus Zedernholz. Das reicht indes nicht ganz, sein einst zögerlicher Sohn ist längst selbstbewusst geworden. „Ich will nichts mehr vorspielen!“ sagt er resolut und fordert eine längst überfällige Aussprache.
 
Nicht lineare Erzählweisen liegen im Trend, gekonnt setzt auch dieses Drama auf die Dynamik mit Rückblenden. Mit dem jungen Ich-Erzähler als Verbündetem ist die Empathie-Brücke zum Publikum schnell gebaut. Die psychologisch plausible Entwicklung der Figuren, ob Opfer, Täter oder ohnmächtige Eltern sorgt für weitere Pluspunkte. Nach seinem gekonnten Regiedebüt mit „The Gift“ beweist Schauspieler Joel Edgerton abermals ein talentiertes Händchen beim Inszenieren von bewegenden Gefühlswelten, die ohne Kitsch und Klischees auskommen. Mit Crowe und Kidman versammelt der Australier zwei leinwandpräsente Stars seiner Heimat, die als religiöses Ehepaar erneut Oscar-Qualitäten bieten und mit minimalen Gesten für maximale Wirkung sorgen. Wobei der Ex-„Gladiator“ hier so rundlich daher kommt, dass man ihn zunächst fast nicht erkennt.
 
Als Idealbesetzung erweist sich der 21-jährige Lucas Hedges, der im Vorjahr für „Manchester by the Sea“ eine Oscar-Nominierung bekam und zuletzt in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ glänzte. Er gibt als verunsicherter Teenager eine grandiose Vorstellung, deren Wahrhaftigkeit unter die Haut geht. Die scheinbare Mühelosigkeit, mit er die Balance aus Idealismus, Wut, Ohnmacht, Ratlosigkeit und Rebellion meistert, hat Klassiker-Qualitäten. Nicht nur Hedges dürfte für dieses meisterhaft kluge Plädoyer gegen Intoleranz ein Oscar winken.
 
Dieter Oßwald