Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Für die einen war er ein Verräter, für andere ein Held, der als einer der ersten das Schweigegelübde der Mafia durchbrach und mit seinen Aussagen umfassende Verhaftungen ermöglichte. Welchen Preis Tommaso Buscetta dafür zahlte, zeigt Marco Bellocchio in seinem karg inszenierten Doku-Drama „Der Verräter“, das auf nachdenkliche Weise die Schwierigkeiten beschreibt, der Mafia entgegenzutreten.

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Il Traditore
Italien/ Frankreich/ Deutschland/ Brasilien 2019
Regie: Marco Bellocchio
Buch: Marco Bellocchio, Vallia Santella, Ludovica Rampoldi & Francesco Piccolo
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Fausto Russo Alesi, Maria Fernanda Cândido, Luigi Lo Cascio, Alessio Praticò, Gabriele Arena
Länge: 145 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: Herbst 2019

FILMKRITIK:

Anfang der 80er Jahre flieht Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) zusammen mit seiner Familie nach Rio de Janeiro. Er hat genug von den immer brutaler werdenden Auseinandersetzungen der Mafia-Familien Siziliens, die durch den lukrativen Drogenhandel enorme Reichtümer angehäuft haben und keine Skrupel mehr kennen. Doch die Freiheit währt nicht lang, er wird verhaftet, gefoltert und schließlich nach Italien ausgeliefert.

In Palermo sieht er sich dem neuen Staatsanwalt Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) gegenüber, ein furchtloser Mann, der der Mafia den Kampf angesagt hat. Und das bislang Unvorstellbare passiert: Der Mafiose packt aus, liefert auf 487 Seiten Verhörprotokoll ein umfassendes Bild der sizilianischen Mafia, das zu hunderten Verhaftungen und schließlich den so genannten Maxi-Prozessen führt.

Doch der Widerstand innerhalb der Gesellschaft und vor allem der politischen Elite Italiens ist groß, 1992 wird Falcone brutal ermordet und auch Buscetta muss einen hohen Preis für seinen Mut bezahlen: Er selbst und seine Familie leben zwar relativ geschützt im Zeugenschutzprogramm in Amerika, doch zwei seiner Söhne und etliche andere Familienangehörige werden aus Rache ermordet. Für die Mafia, aber auch für viele Verwandte, ist Buscetta kein Held, sondern ein Verräter.

Im Laufe seiner langen Karriere hat sich Marco Bellocchio immer wieder mit der Mafia, ihren Strukturen, aber auch ihrem Einfluss auf Teile der italienischen Gesellschaft beschäftigt, die an sich gar nicht unmittelbar mit ihr zu tun haben. Allgegenwärtig wirkt gerade auf Sizilien die Mafia, dementsprechend schwer ist es, ihr etwas entgegenzusetzen, zumal sie Verbindungen bis in die politische Klasse, bis in die Hauptstadt Rom pflegt.

Diese Verbindung thematisierte er in dem brillanten „Buongiorno, notte – Die Affäre Aldo Moro“, der andeutete, welch dunkle Verbindung der vielfache Ministerpräsident Giulio Andreotti zur Mafia hatte. Andreotti taucht auch in „Der Verräter“ am Rande auf, doch auch wenn Bellocchio hier ein breites Geschichtspanorama entfaltet, steht doch stets Tommaso Buscetta im Mittelpunkt.

Man könnte diese Figur, die lange Jahre das süße Leben eines hohen Mafiosis lebte, bevor er die Seiten wechselte, mit der Figur Henry Hills in Martin Scorseses „Goodfellas“ vergleichen und vor allem kontrastieren. Denn während Hill den Verlust des Wohlstandes zutiefst bedauert, der Film dadurch immer wieder droht, zu einer Verklärung der Mafia zu werden, lässt Bellocchio durch seine zurückhaltende Regie keinen Zweifel daran, was richtig und was falsch ist.

Spröde wirkt sein Film zwar, betont schlicht und unaufdringlich gefilmt, aber nur so kann es gelingen, die Verführungskraft der Mafia zu unterlaufen. Ihre Skrupellosigkeit zu entlarven gelingt Bellocchio besonders in einem erschütternden Moment, wenn er den Mord an Falcone  zeigt, der zusammen mit seiner Frau und seinen Leibwächter auf der Autobahn mit Tonnen Sprengstoff in Stücke gerissen wurde, der Reaktion der inhaftierten Mafiose gegenüberstellt, die Champagnerkorken knallen lassen.

Buscetta selbst wurde im Laufe seines Lebens immer skeptischer, was den Kampf gegen die Mafia anging. Zu hilflos erschienen ihm die Staatsanwälte, zu wenig engagiert die politische Klasse, die wohl in Teilen auch heute noch Verbindungen zur Mafia unterhält. Marco Bellocchios Film wird daran nichts ändern, doch ohne Filme wie diesen, in denen der Mafia etwas entgegengesetzt wird, wird es erst recht keinen Wandel geben.

Michael Meyns