Dias de Santiago

Peru 2004
Regie: Josué Méndez
Buch: Josué Méndez
Kamera: Juan Durán
Schnitt: Roberto Benavides
Darsteller: Pietro Sibille (Santiago Roman), Milagros Vidal (Andrea), Marisela Puicón (Elisa), Alheli Castíllo (Mari), Lili Urbina (Mutter), Ricardo Mejía (Vater), Erick García (Coco), Ivy La Noire (Ines)
Länge: 83 Minuten
Verleih: Kino: W-film
Kinostart: 8.12.2005

Ein Mann schlägt sich durch auf den Straßen von Lima. Eindringlich. Von den ersten Bildern an. Der Druck bei diesem jungen Mann ist spürbar, wenn er durch die Straßen von Lima geht, seine Gedanken, seine Beobachtungen im Off hörbar sind. Still, verschlossen, aber mit einem kräftigen Körper, dem man im Moment der Explosion nicht nahe sein will.

Santiago Román kommt nach dreijährigem Kriegsdienst nach Lima zurück. Aber er kommt nicht an in einer modernen Großstadt-Gesellschaft, die sich nicht um ihn und seinesgleichen kümmert. Die Brutalität der Kriege gegen die Widerstandsgruppe "Sendero Luminoso" (Leuchtender Pfad) und das Nachbarland Ecuador verfolgt ihn quälend im Schlaf. Doch der 23-Jährige reißt sich zusammen, will sich weiterbilden. Aber die Ausbildung zum Informatiker ist langwierig und teuer, Förderung gibt es keine. Der letzte Sold reicht nicht mal für einen Kühlschrank auf Kredit, und Kredit kriegen Veteranen ebenso wenig wie Mitgefühl.

Santiagos konstanter Gedankenfluss kommentiert und bewertet ein für ihn moralisch erschreckendes modernes Leben. Aber Santiago kann nicht aussprechen, was er mitteilen will. So scheitert die eigene Ehe, in der Wohnung der Eltern verstärkt die Enge die Gewalt gegen alle Frauen. Die militärische Analyse einer Bar gelingt, etwas Spaß mit jungen Mädels auch noch, aber die Frustration wächst und mit ihr eine verzerrte Sicht der Realität.

Gegen den Einstieg ins Drogengeschäft kann er sich wehren – im Gegensatz zu seinen Kriegs-Kameraden, doch der sich nur mühsam zurückhaltende Choleriker schlägt seine Frau, dann will er die Freundin seines Bruders retten, schließlich kommt es eher aus Versehen zu einer Geiselnahme. Der Schrecken steigert sich bis zur atemberaubend stillen und spannenden letzten Einstellung, die alles offen lässt.

Spätestens als Santiago mit einem geerbten Auto auf Taxifahrer macht, ist der Bezug zu Scorseses und DeNiros "Taxi-Driver" überdeutlich. Er steckt in der vergleichbaren Situation eines Kriegsveteranen, der mit seinen seelischen Verkrüppelungen von einer kalten Gesellschaft nicht aufgefangen wird. Doch "Dias" bleiben eigenständig, zeigen auch genau und nachfühlbar speziellen Bedingungen in Lima und Peru. Die engen Familienstrukturen, die Gewalt gegen die Frauen, das Klima der Gewalt überhaupt.

Dabei ist die Perspektive Santiagos sehr geschickt aufgebaut – und von Pietro Sibille eindringlich gespielt: Anfangs kann man die Einschätzungen des Protagonisten durchaus noch nachvollziehen, erst allmählich keimt die gefährliche Tendenz auf, die Sache und die Pistole selbst in die Hand nehmen zu müssen und den "Schweinestall" aufzuräumen.

Dabei gewinnt die an sich einfache Inszenierung, die oft mit Handkamera der menschlichen Zeitbombe Santiago folgt, zeitweise die Kraft von Filmen wie "Amores Perros". Intensives Spiel, genaue Zeichnung der Figuren sowie des sozialen Umfeldes machen "Dias de Santiago" zu einem packenden und informativen Erlebnis für Programmkinos und auch für interessierte Bildungseinrichtungen.