Die 1000 Glotzböbbel vom Dr. Mabuse – Im Internet hört di koiner schreia

Der Grundgedanke ist ganz wunderbar: eine wüste Filmpersiflage, in der alle Rollen im schwäbischen Dialekt gesprochen werden. Doch was der Regisseur und Komiker Dominik Kuhn alias Dodokay aus Fritz Langs letztem Film DIE 1000 AUGEN DES DR. MABUSE macht, kann leider nicht so recht überzeugen. Der Mann, der Darth Vader und Barack Obama Schwäbisch lehrte und der mit seinen witzigen und medienkritischen Auftritten live oder im Fernsehen ein großes Publikum hat, widmet sich seiner Aufgabe mit großem Engagement und kaum übersehbarem Spaß – das ehrt ihn, und vieles ist wirklich lustig, manches sogar richtig komisch. Doch es fehlt die souveräne Linie, so dass der Film bei aller Originalität vor allem die Dodokay-Fangemeinde ansprechen dürfte.

Webseite: www.dodokay-mabuse.de

Deutschland 2018
Regie: Dominik Kuhn (Originalfilm: Fritz Lang)
Drehbuch: Dominik Kuhn (Originalfilm: Fritz Lang, Heinz Oskar Wuttig, basierend auf den Figuren von Norbert Jacques)
Darsteller: Gert Fröbe, Peter van Eyck, Wolfgang Preiss, Lupo Prezzo, Dawn Addams, Werner Peters, Andrea Checchi, Reinhard Kolldehoff
89 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 30. August 2018

FILMKRITIK:

Der Film spielt, wie das Original, im Jahr 1960: Der Stuttgarter Kommissar Krass (Gert Fröbe) ist einem Mörder auf der Spur und landet dabei im geheimnisvollen Hotel „Zum güldenen Grasdackel“, wo sich die merkwürdigsten und großenteils dubiosen Gestalten treffen. Alle sind verdächtig und benehmen sich entsprechend. Zu ihnen gehört der Millionär Helmut Wurster, Sabine Hirrlinger, eine junge Frau mit Selbstmordgedanken, und ein paar sehr, sehr seltsame Figuren, wie der Internet-Betreiber Mark Sackerberg und der wunderliche Wahrsager Dieter Gekeler sowie der Suppenproduzent Österle. Alles deutet darauf hin, dass der Strippenzieher im Hintergrund der eigentlich schon vor 30 Jahren verstorbene Dr. Mabuse sein könnte.
 
Handwerklich ist die Neuvertonung gut gelungen – zwischendurch gibt es zusätzlich einige prima Effekte zu bestaunen, so ein makellos eingebauter, neuer Buchtitel, das „Handbuch zur Kehrwoche“. Die Sprache ist meist erstaunlich synchron, die Vielfalt von Geräuschen, die sich Dominik Kuhn entlockt, ist einigermaßen beeindruckend. Doch auch wenn ein schwungvoller Anfang auf kurzweilige Unterhaltung hoffen lässt: Der Unterschied zwischen einem Sketch und einem abendfüllenden Film wird nicht nur in Minuten gemessen. Und bisher hat sich Dominik Kuhn alias Dodokay mehr mit der kleinen Form befasst – seine Spezialität sind „Schwaben-Synchros“, Neuinterpretationen von TV- und Filmauftritten prominenter Schauspieler oder Politiker im schwäbischen Dialekt. Doch was zwei oder fünf Minuten lang super witzig ist, lässt sich leider nicht beliebig auf anderthalb Stunden dehnen. Nach Logik und Stringenz in der hanebüchenen Story sollte man zunächst besser nicht fragen. Manches funktioniert nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht, und hier und da bleiben inhaltliche Schlenker einfach rätselhaft. Dramaturgisch sind Geschichte und Charaktere normalerweise eng miteinander verwoben. Das gilt auch und besonders für Komödien, aber davon ist hier wenig zu sehen. Alle sprechen Schwäbisch (warum eigentlich alle?), das muss als Hauptcharakteristikum und wichtigstes Humorvehikel genügen. Vermutlich zur besseren Unterscheidung der Personen wird dann schon mal gelispelt und gehölzelt, was humortechnisch durchaus fragwürdig ist. Schade, denn die handelnden Figuren bieten viele Möglichkeiten, ihnen über die Dialoge Persönlichkeit zu geben und damit die Handlung spannender und witziger zu gestalten. Zumindest der sich ständig irgendwohin fläzende Kommissar, den Gert Fröbe im Original ziemlich cool und lässig spielt, hätte sich hierfür angeboten. Das tolle 60er Jahre-Setting, die erschütternd schlechten Rückprojektionen – teilweise sogar auf einer dreispurigen Fahrbahn spielend – das wären schöne Steilvorlagen für Gags oder wenigstens für eine gewisse parodistische Grundstimmung, ebenso z. B. ein sehr junger Wolfgang Völz als Barkeeper oder Dieter Hallervorden in seiner ersten Filmrolle. Zuallererst hätte sich aber das bereits vorhandene Thema der medialen Überwachung angeboten – die 1000 Augen sind die allgegenwärtigen Kameras im Hotel –, um jenseits der Sprachwitzeleien noch ein bisschen mehr Inhalt und damit Atmosphäre ins Spiel zu bringen. Stattdessen bleibt jede Form von Medienkritik ungewohnt milde, und Dominik Kuhn entwirft ein Netz unübersichtlicher Nebenhandlungen.
 
Dass sich Dominik Kuhn auferlegt hat, selbst alle Rollen zu sprechen, auch die weiblichen, ist angesichts dieser schwierigen Aufgabe vor allem ehrenvoll. Wie er sich aus der Affäre zieht, hat viel Spielerisches, manches ist komisch, besonders am Anfang, doch nach zwanzig Minuten ist erstmal die Luft raus. Dann gibt es noch vereinzelte Lacher über lustige Namen, zum Beispiel Mark Sackerberg und seine Internet-Seite „Fleißbook“, oder über leicht irrwitzige und vielleicht aus der Improvisationsnot heraus geborene Handlungsschlenker. Im Vordergrund stehen dabei zwei nicht unbedingt abendfüllende Aspekte: das Internet als schwäbische Erfindung, die, kaum erdacht, schon missbraucht wird, und das Leid der Schwaben. Beides bietet durchaus Potential für diverse Lacher, doch auch die schönsten Gags nutzen sich irgendwann mal ab.
 
Das Komödiengenre ist an sich schon anspruchsvoll genug – nichts ist schwerer als Leichtigkeit. Und Parodien sind sozusagen die Champions League der Humorwerker. Hier gibt es für Dominik Kuhn noch einigen Nachholbedarf. So schön es ist, dass die Familie Brauner ihm offenbar freie Hand ließ im Umgang mit einem Beinahe-Filmklassiker: Das Endprodukt erfüllt bei aller Originalität vor allem die Ansprüche einer gutgelaunten und extrem amüsierwilligen Dodokay-Fangemeinde und empfiehlt sich am ehesten für einen trollingergetränkten Kinoabend im schwäbischen Freundeskreis.
 
Gaby Sikorski