Die Frau des Nobelpreisträgers – The Wife

Binnen weniger Wochen erscheinen hierzulande zwei Filme über Frauen, die sich für den Erfolg ihrer berühmten Gatten haben in den Hintergrund rücken lassen, während sie die eigentliche Arbeit verrichtet haben. Erzählt „Colette“ noch ein echtes Schicksal nach, ist „Die Frau des Nobelpreisträgers“ zwar fiktiv, aber mindestens genauso ergreifend und trumpft obendrein mit einer Oscarwürdigen Glenn Close auf.

Webseite: www.facebook.com/DieFrauDesNobelpreistraegers.Film/

OT: The Wife
UK/SWE/USA 2017
Regie: Björn Runge
Drehbuch: Jane Anderson nach dem Roman „The Wife“ von Meg Wolitzer
Darsteller/innen: Glenn Close, Jonathan Pryce, Max Irons, Christian Slater, Harry Lloyd, Annie Starke, Karin Franz Körlof, Nick Fletcher
Länge: 100 Minuten
Verleih: Square One Entertainment
Kinostart: 3. Januar 2019

FILMKRITIK:

Joan (Glenn Close) und Joe Castleman (Jonathan Pryce) sind seit knapp vierzig Jahren scheinbar glücklich verheiratet. Während er zu einem bedeutenden Schriftsteller aufgestiegen ist, hat sie ihm während seiner Karriere stets den Rücken freigehalten und sich vor allem um die gemeinsamen Kinder gekümmert. Nun folgt der Höhepunkt: Joe soll mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden. Dafür reist das Ehepaar gemeinsam mit Sohn David (Max Irons) nach Schweden, wo die Zeremonie stattfinden soll. Doch früh kommt es zu Spannungen zwischen Joe und David, der sich von seinem Vater nie genug gewürdigt gefühlt hat. Und auch zwischen den Eheleuten kriselt es, als der schmierige Journalist Nathaniel Bone (Christian Slater) Joan eines Abends mit seinen Recherchen konfrontiert: Anstatt Joe war es Joan, die für die fiktionalen Ergüsse ihres Mannes zuständig war. Ihr gebühren der Preis und die Anerkennung. Und ganz langsam steigt auch sie dahinter, dass sie jahrelang von Joe ausgebeutet wurde…
 
Das Schicksal der französischen Schriftstellerin Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, dessen filmische Aufbereitung 2019 mit Keira Knightley in der Hauptrolle in die Kinos kommt, beweist: Die von Romanautor Meg Wolitzer erdachte Geschichte über eine Frau, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem Schatten ihres Mannes zufriedengeben musste (passend dazu heißt der Film im Original auch einfach nur „The Wife“), ist nicht weit hergeholt. Darüber hinaus passt die Thematik aber auch einfach ganz hervorragend zum von #MeToo-geprägten Zeitgeist, der seit über einem Jahr eine Sensibilität für die Gleichberechtigung von Frauen in der Unterhaltungsbranche schafft. „Die Frau des Nobelpreisträgers“ spielt anders als das Biopic „Colette“ daher in der Gegenwart, wenngleich sich die in Rückblenden geschilderten Ereignisse, die den Grund aufzeigen, weshalb sich Joan einst so von ihrem Mann in den Hintergrund drängen ließ, natürlich in der Vergangenheit ab – 40 Jahre früher um genau zu sein. Hier verhandeln Regisseur Björn Runge („Happy End“) und Drehbuchautorin Jane Anderson („Ein amerikanischer Quilt“) Ähnliches wie „Colette“-Regisseur Wash Westmoreland: Vor allem die damals fehlende Aufgeschlossenheit gegenüber von Frauen verfasster Literatur brachte Joan dazu, die von ihr geschriebenen Geschichten offiziell an ihren Gatten abzutreten, der folgerichtig die Lorbeeren dafür einheimsen durfte.
 
Während die Flashbacks, in denen Joan und Joe von Glenn Closes Tochter Annie Starke („Albert Nobbs“) und Harry Lloyd („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) verkörpert werden, oftmals ein wenig zu sehr das unterstreichen, was man durch die Schilderungen der Eheleute ohnehin erfährt (in einer Szene wird der jungen Joan beispielsweise auf den Kopf zu gesagt, dass sie als weibliche Schriftstellerin keine Chance in der Männerdomäne haben wird – das ist im Vergleich zum restlichen Film ein wenig plump), überzeugt der Handlungsstrang um die Nobelpreisverleihung auf ganzer Linie. Björn Runge ist ein hervorragender Beobachter und lässt die Stimmung zwischen dem Ehepaar ganz langsam eskalieren. Hier fällt mal ein vielsagendes Wort, das die innere Verfassung der angeschlagenen Joan treffsicher hervorkehrt, dort ist es ein verkrampftes Lächeln, das erkennen lässt, wie sehr sie sich doch beherrschen muss, wenn die einzige Anerkennung ihres Ehemannes die ist, dass er sie in öffentlichen Ansprachen immer wieder als seine Muse bezeichnet.
 
Doch das Skript degradiert weder Joe Castleman zum verabscheuungswürdigen Antagonisten, noch drängt es seine Gattin in die Rolle des bemitleidenswerten Opfers. Vor allem das streitbare (da ein wenig zu dick aufgetragene) Ende betont noch einmal ganz besonders, dass sich über die vierzig Jahre trotzdem auch eine innige Liebe entwickelt hat, die abseits der beruflichen Abhängigkeit beider Parteien ehrlich und wahrhaftig ist. Das verhilft den von einer überragenden Glenn Close („Das krumme Haus“) und einem nicht minder starken Jonathan Pryce („The Man Who Killed Don Quixote“) vorgetragenen Streitgesprächen zu einer großen emotionalen Fallhöhe und rückt die Ursprünge des Konflikts in eine unaufgeregt-nüchterne Richtung: Denn dass sich Joan ihren eigenen Erfolg zum damaligen Zeitpunkt vermutlich nicht selbst hätte erarbeiten können, war ja in dem Moment nicht (ausschließlich) das Problem ihres diesen Umstand ausnutzenden Ehemannes, sondern vor allem der rückständigen Gesellschaft.  
 
Antje Wessels

2004 wurde Björn Runges Drama „Morgengrauen“ mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet. Nun legt der schwedische Filmemacher das Charakterdrama „The Wife“ nach dem gleichnamigen Roman der US-Autorin Meg Wolitzer vor. Der unspektakulär inszenierte, dafür aber spannend erzählte Film handelt von einer tiefgreifenden Lebenslüge, die stückweise an die Oberfläche dringt. Bemerkenswert ist das exzellente Schauspiel von Glenn Close, Jonathan Pryce und Christian Slater. Für Close könnte nach sechs Nominierungen der erste Oscar winken.

Von außen betrachtet führen Joan und Joe Castleman (Glenn Close, Jonathan Pryce) eine gute Ehe, der die Vertrautheit nach fast vier gemeinsamen Jahrzehnten anzumerken ist. Die Rollenverteilung ist klassisch: Joe feiert internationale Erfolge als bedeutender Literat, Joan stärkt ihm als treusorgende Gattin den Rücken. Familiäres Ungemach stiftet allenfalls der Sohn David (Max Irons), der als angehender Schriftsteller den Segen des berühmten Vaters haben will, diesen aber nicht erhält.

Als Joan, Joe und David nach Stockholm fliegen, wo Castleman den Literaturnobelpreis erhalten soll, kommt unter Zutun des investigativen Journalisten Nathaniel Bone (Christian Slater) nach und nach ein Ehegeheimnis ans Licht, das die Ehe der Castlemans auf den Kopf stellt.

Die Drehbuchautorin Jane Anderson („Ein amerikanischer Quilt“) adaptiert den 2003 publizierten Roman von Meg Wolitzer mit Geschick beim Verteilen der Informationen, so dass sich die Konflikte ohne erzwungene Dramatik immer weiter zuspitzen. Einerseits schwelt der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Joe und David, andererseits geraten die Eheleute immer heftiger in Streit. Der Journalist Nathaniel, der unbedingt eine Biographie über Castleman schreiben will, setzt von außen gezielte Nadelstiche.

Zwischendurch illustrieren Rückblenden die Anfangsjahre der Ehe. Als sich Joan und Joe 1958 an der Universität kennenlernen – sie eine literaturinteressierte Studentin, er ein verheirateter Dozent – verfolgt die hier von Glenn Closes Tochter Annie Starke („Albert Nobbs“) gespielte Joan selbst schriftstellerische Ambitionen. In einer Schlüsselszene wird ihr allerdings unmissverständlich davon abgeraten, als Frau auf den Literaturmarkt zu streben.

Symptomatisch für die Charakter-zentrierte Inszenierungsweise stehen die wiederholten Close-Ups auf die Gesichter der Darsteller/innen, insbesondere die auf jenes von Glenn Close („Gefährliche Liebschaften“). Gerade in den stillen Momenten läuft Close zur Höchstform auf – in ihrer Mimik spiegelt sich die ganze Tragweite des Dramas. Daneben brillieren Jonathan Pryce („Brazil“), Max Irons („Die Frau in Gold“) und Christian Slater („Nymphomaniac“), der als manipulativer Autor Eindruck hinterlässt.

„The Wife“ ist ziemlich exakt das, was man als Schauspielerfilm bezeichnet. Ein Film also, dessen Qualität im (Zusammen-)Spiel des Ensembles liegt und der eher innere als äußere Konflikte thematisiert. Weil der natürliche Filmstil für solche oft als „literarisch“ bezeichneten Werke schnörkellos und zurückhaltend ist, stehen und fallen sie noch mehr als andere Filme mit Drehbuch und Schauspiel. Runges Literaturadaption erfüllt beide Anforderungen mit Bravour.

Christian Horn