Die Insel der hungrigen Geister

Ebenso inspirierende wie bildgewaltige Insel-Doku, Momentaufnahme eines beeindruckenden Naturschauspiels, Beitrag zur Flüchtlings-Debatte und Porträt einer Trauma-Therapeutin, die  an einem abgeschiedenen Ort mit Asylsuchenden arbeitet. Das alles steckt in „Die Insel der hungrigen Geister“, einem feinsinnigen, genau beobachteten Film, der das scheinbar Gegensätzliche klug und besonnen miteinander verschränkt.

Webseite: grandfilm.de/insel-der-hungrigen-geister/

Deutschland/Großbritannien/Australien 2018
Regie: Gabrielle Brady
Länge: 94 Minuten
Kinostart: 17. Oktober 2019
Verleih: Grandfilm

FILMKRITIK:

Die Weihnachtsinsel vor der Küste Indonesiens ist ein paradiesisches Kleinod und Heimat von lediglich 2000 Bewohnern. Die Insel wirkt unwirtlich und wenig erschlossen, außerdem treffen auf ihr beachtliche Gegensätze aufeinander. Auf der einen Seite findet auf der Weihnachtsinsel Jahr für Jahr ein wahres Naturschauspiel statt: 40 Millionen Landkrabben machen sich auf zu ihrer vom Mondzyklus bestimmten Wanderung vom Innern der Insel bis zur Küste.

Andererseits aber befindet sich in der Mitte der Insel ein Gebäude, das so gar nicht für Bewegung, Wandel und Freiheit steht: ein Hochsicherheitslager für Flüchtlinge und Asylsuchende, die dort festgehalten werden. Von ihren Sorgen und Nöten berichten sie der Therapeutin Poh-Lin Lee, die mit ihrem Mann und ihren Kindern auf der Weihnachtsinsel lebt. Sie therapiert die traumatisierten Geflüchteten und versucht, ihnen Halt zu geben und Trost zu spenden.

Die beiden Hauptthemen der Doku, die Regisseurin Gabrielle Brady hier einander gegenüberstellt und – auch im konsequenten Schnitt – sehr eng miteinander verzahnt, scheinen auf den ersten Blick sehr konträr und wenig miteinander gemein zu haben. Bei genauerer Betrachtung aber ergibt die Wahl dieser beiden Aspekte und Vorkommnisse, die sich immerhin auf ein und demselben Eiland abspielen, durchaus Sinn.

Es zeigt sich zum Beispiel, dass die australischen Politiker (die Weihnachtsinsel wird von Australien verwaltet) mehr an Tieren (den Landkrabben) als an Menschen (den Migranten) interessiert sind. Diese sitzen auf unbestimmte Zeit in der Anstalt ein, ein Verfahren auf dem Festland verweigert man ihnen. Für die Weihnachtsinsel-Landkrabben abersperrt die Regierung unzählige Straßen. Und baut Brücken, damit die Tiere (die chinesischen Immigranten nennen sie „Geister“)sicher über die viel befahrenen Straßen gelangen. Schließlich ist die „große Wanderung“ mittlerweile zu einem einträglichen Geschäft geworden: Tausende Touristen reisen dafür jedes Jahr auf die Insel, außerdem kann das Spektakel seit kurzem auch vom heimischen Sofa aus über Google-Street-View mitverfolgt werden.

Kontrastreich und wirkungsvoll setzt Brady ihre beiden Themen immer wieder auf berührende, emotionale Weise in Bezug. Und bedient sich dabei nicht selten einer ungemein kraftvollen Bildsprache. In einer Szene spricht Lee mit einem jungen Mann, der aufgrund der Erlebnisse mit seiner Mutter im Lager vor Lee in Tränen ausbricht. Es ist ein sehr intimer Augenblick. Brady ist mit ihrer Kamera stets sehr dicht bei den Beiden, zeigt deren Gesichter – und damit auch die Anspannung sowie mimischen Reaktionen – im Detail. Dann ein harter Schnitt. Im Bild zu sehen sind nun die unzähligen Krabben in Nahaufnahme, die Kamera mittendrin im tumultartigen Geschiebe und Gedränge. Es herrscht ein unglaubliches Chaos, die schiere Menge an Tieren ist gewaltig und versetzt in bedächtiges Staunen.

Und noch ein anderer Gegensatz wird ausgesprochen akkurat herausgearbeitet: So sehr das einzelne Tier, die individuelle Krabbe, in der Masse untergeht und es bei der Wanderung um den Zusammenhalt aller bzw. die Gemeinschaft geht, so nah kommt der Film seiner menschlichen Hauptfigur, die Brady in vielen  privaten Momenten auch abseits der Arbeit begleitet. Etwa wenn Lee mit ihrer Familie die mystisch wirkende Natur der Insel erkundet oder ihrem Mann abends im Wohnzimmer von den Schicksalen der Geflüchteten und ihrem Berufsalltag erzählt.

Björn Schneider