Directions – Geschichten eine Nacht

Durch die Nacht in Sofia. Sechs Taxifahrer, verbunden durch einzelne Passagier und Geschichten, vor allem aber durch den wirtschaftlichen, moralischen, sozialen Zustand ihrer bulgarischen Heimat, davon erzählt „Directions“ von Stephan Komandarev, ein ambitioniertes, manchmal etwas plakatives, aber jederzeit tief empfundenes Porträt seiner Heimat.

Webseite: www.aktis-film.com/directions

OT: Posoki
Bulgarien 2017
Regie: Stephan Komandarev
Buch: Stephan Komandarev & Simeon Ventsislavov
Darsteller: Vasil Vasilev-Zueka, Ivan Barnev, Assen Latechki, Irini Zhambonas, Vasil Banov, Troyan Gogov
Länge: 100 Minuten
Verleih: Selbstverleih aktis Film
Kinostart: 10. Mai 2018
 

FILMKRITIK:

Mischo besitzt eine Fabrik, hat jedoch Schulden und versucht, sich mit Taxifahren über Wasser zu halten. Nachdem er seine Tochter zur Schule gebracht hat, springt eine ihrer Schulkameradinnen ins Auto, zur kranken Oma soll es gehen, doch ihr Gehabe, ihre aufreizende Kleidung und vor allem ihr Fahrziel: Ein Hotel, deuten an, dass das Mädchen andere Pläne hat.

Ein erstes Anzeichen für den moralischen Verfall, der das moderne Bulgarien, ein viertel Jahrhundert nach Ende des Kommunismus plagt. Für Mischo kommt die Fortsetzung unmittelbar danach: Ein Treffen mit seinem Bankberater endet im Eklat, ein Kredit soll nicht verlängert werden, außer Mischo bezahlt eine noch höhere Bestechungssumme. Im Affekt tötet Mischo den Banker und anschließend sich selbst.

Schnitt, es ist Nacht, Mischo liegt im Koma, im Radio wird über Recht und Unrecht seiner Tat diskutiert, manche verdammen ihn als Mörder, andere zeigen Verständnis, er sei nur verzweifelt ob der grassierenden Zustände gewesen. Auch diverse andere Taxifahrer machen sich ihre Gedanken, während sie unterschiedliche Passagiere durch die Nacht kutschieren, Fahrten, die mal friedlich enden, oft aber auch im Konflikt.

Zunächst fährt Rada etwa einen Chirurgen zum Krankenhaus, der das Land bald in Richtung Deutschland verlassen wird, wo ein besseres Leben winkt. Vorher steht allerdings noch eine Herztransplantation an: Mischos Herz soll einem anderen Leben schenken. Später fährt Rada Manol und erkennt in ihm den Mann wieder, der ihr einst, in den letzten Jahren des Kommunismus, das Studium im Ausland verbaute und sie damit zum Leben am Existenzminimum zwang.

Kosta wiederum fährt ein Pärchen zu einem diskreten Hotel, wo der Mann seine Frau betrügen wird. Zhoro hindert einen Mann daran, sich von einer Brücke zu stürzen, weniger aus Nächstenliebe, als des nicht bezahlten Fahrgeldes wegen. Andrei schließlich ist tagsüber Priester und fährt Nachts Taxi, seine letzte Fahrt in der Nacht ist Nikolai, der ins Krankenhaus soll, wo im Mischos Herz eingepflanzt werden soll.

Man mag in Stephan Komandarevs „Directions“ an „Der Reigen“ oder ähnliche Stücke und Filme denken, in denen aus Porträts unterschiedlicher, mehr oder weniger verbundener Figuren das Bild einer Gesellschaft entsteht. Der Blick, den der Bulgare auf seine Heimat wirft ist dabei alles andere als rosig, ja fast schon zynisch und abgestoßen von all dem Elend, der Korruption, der Prostitution, des Machtmissbrauchs, den er als Probleme der Gegenwart ausgemacht hat. Kaum ein gutes Haar lässt Komandarev an seinem Land, trägt – auch durch die kürze, die notwendige Zugespitztheit der Episoden bedingt – bisweilen sehr dick auf, vereinfacht sicher hier und da, um am Ende doch kleine Momente der Hoffnung aufblitzen zu lassen. Nicht alles ist schlecht in dieser Welt, nicht alle Begegnungen dieser Nacht in Sofia enden im Streit oder gar der Gewalt, doch die Hoffnung, dass sich das Land am Rand Europas  bald zum besseren entwickeln wird, kann man nur ahnen.

Michael Meyns