Djon Africa

Auf der Suche nach seinem Vater, vor allem aber seiner Identität, besucht der in Lissabon geborene Miguel die Heimat seiner Ahnen: Die Kapverdischen Inseln, eine ehemalige portugiesische Kolonie, gelegen vor der Küste Afrikas. Das Dokumentarfilm Duo Joao Miller Guerra und Filipa Reis filmt diese klassische Geschichte in semi-dokumentarischer Manier, angereichert mit surrealen Momenten.

Webseite: wolfberlin.org

Portugal/ Brasilien/ Kapverde 2018
Regie: Joao Miller Guerra, Filipa Reis
Buch: Pedro Pinho
Darsteller:Miguel Moreira, Joana Furtado, Patrícia Soso, Rúben Furtado, Natália Sousa, Isabel Cardoso
Länge: 98 Minuten
Verleih: Steppenwolf
Kinostart: 31. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Er ist ein Rumtreiber, ein Lebemann: Der 25jährige Miguel (Miguel Moreira), der in Lissabon bei seiner Großmutter lebt, die ihn aufgezogen hat, seit er drei war. Seine Zeit verbringt Miguel damit, das Leben zu genießen, mit Frauen zu flirten oder einer Kumpanin beim Ladendiebstahl zu helfen.
 
Doch dann glaubt ihn jemand auf der Straße zu erkennen, doch die Person meint seinen Vater.  Der glänzte Zeit Miguels Leben durch Abwesenheit, doch durch die kurze Begegnung wächst der Wunsch, ihn zu suchen und kennen zu lernen und damit auch das Land seiner Herkunft zu erkunden.
 
Zum ersten Mal fliegt Miguel auf die Kapverdischen Inseln, lernt das Leben in der ehemaligen portugiesischen Kolonie kennen, und findet bei der Suche nach seinem Vater, vor allem Antworten über sich selbst.
 
Vor einigen Jahren drehten Joao Miller Guerra und Filipa Reis den Dokumentarfilm „Li ké terra“, in der sie das Leben des damals 16jährigen Miguel Moreira beobachteten. Nun haben sie erneut mit dem in Lissabon lebenden Musiker gedreht, ein Dokumentarfilm ist „Djon Africa“ jedoch nur bedingt. Nur Laien treten auf, die mehr oder weniger Variationen ihrer selbst spielen, was im Ansatz an den momentan wohl bekanntesten portugiesischen Regisseur Pedro Costa erinnert. Dieser dreht seit Jahren Filme, die sich zwischen den Kapverdischen Inseln und Lissabon bewegen, wo eine der größten Exilgemeinschaften der Kapverdier lebt. Ein Volk, das im Lauf seiner Geschichte, durch den Kolonialismus, später durch die Notwendigkeit, ins Exil zu gehen, um zu Hause, auf den Inseln gebliebene Familienangehörige finanziell zu unterstützen, stets zu erheblichen Teilen im Ausland gelebt, dabei den gerade auch spirituellen Kontakt zur Heimat jedoch nie verloren hat.
 
Den spürt nun auch Miguel wenn er auf der größten Insel Santiago ankommt, in der Hauptstadt Praia, später im raueren Norden der Insel, nach Spuren seiner Verwandtschaft sucht und hofft, seinen Vater zu finden.
 
Unterschiedlichen Menschen begegnet er, jungen Frauen, von denen er sich gerne verführen lässt und die ihn am nächsten morgen ausgeraubt zurücklassen, alte Damen, die ihm aus der Patsche helfen und die vielfältige Küche der Insel nahe bringen. Doch eine allzu oberflächliche, touristische Sinnsuche inszenieren Guerra und Reis nicht. Viel wichtiger als anhand von markanten Ereignissen, einschneidenden Handlungsmomenten vom Erkenntnisgewinn ihrer Hauptfigur zu erzählen, ist es ihnen die Atmosphäre, den Geist der Kapverden zu evozieren. Dabei hilft die raue Schönheit der Insel mit ihren kargen Bergen, gesäumt von steilen Terrassen, dem Meer, das nie fern ist, dem überall gebrauten Grog, vor allem aber den Menschen und ihrer Musik. Wie Miguel immer wieder in Bars sitzt und unterschiedlichen Musikern lauscht, mit Bussen über die Insel fährt, an Buchten und Stränden sitzt, das hat dann doch wieder etwas dokumentarisches, ist vor allem vom Gespür für das geprägt, was in der Einsamkeit eines so speziellen Ortes zu finden ist.
 
Michel Meyns