Doktor Proktors Zeitbadewanne

Nach "Doktor Proktors Pupspulver" kommt mit "Doktor Proktors Zeitbadewanne" nun die zweite Jo-Nesbø-Verfilmung ins Kino, in der die beiden Kinder Lise und Bulle, zusammen mit dem ebenso genialen wie verschrobenen Erfinder Doktor Proktor erneut ein verrücktes Abenteuer erleben. Bei ihrer Reise durch die französische Geschichte werden sie auch mit Folter, Hinrichtungen und Hexenverbrennungen konfrontiert, eher ungewöhnliche Themen für einen Kinderfilm…

Webseite: www.wildbunch-germany.de

OT: Doktor Proktors Tidsbadekar
Norwegen/ Deutschland 2015
Regie: Arlid Fröhlich
Buch: Johan Bogeus, nach dem Kinderbuch von Jo Nesbø
Darsteller: Gard Bjørnstjerne Eidsvold, Kristin Grue, Eilif H. Noraker, Emily Glaister, Anke Engelke
Länge: 95 Minuten
Verleih: Wild Bunch, Vertrieb: Central
Kinostart: 2. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Kurz nach einem Museumsbesuch, bei dem sie auch mit einer Darstellung der Hinrichtung von Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen konfrontiert werden, bekommen Lise (Emily Glaister) und Bulle (Eilif H. Noraker) eine Postkarte. Abgeschickt hat sie ihr Freund, der geniale Erfinder Doktor Proktor (Gard Bjørnstjerne Eidsvold), abgeschickt wurde sie in Paris – im Jahr 1969! Dorthin reiste Doktor Proktor mit seiner neuesten Erfindung, einer Badewanne, die auch als Zeitmaschine funktioniert. Ziel seiner Reise war es, die Hochzeit seiner großen Liebe Juliette (Kristen Grue) zu verhindern, die zur Heirat mit dem Schnösel Claude Cliché (Atle Antonsen) gezwungen wird. Doch nachdem ihm die Flasche mit der Zeitseife zerbrochen ist, ist Doktor Proktor in der Vergangenheit gestrandet und braucht die Hilfe der Kinder. Sie sollen die inzwischen wertvolle Briefmarke der Postkarte bei der mysteriösen Raspa (Helén Vikstvedt) verkaufen, um mit dem Geld nach Paris zu fliegen. Doch das ist nur die erste von vielen Reisen, die die Kinder bald quer durch die Zeit führt: Vom vorrevolutionären Paris über das Schlachtfeld von Waterloo bis hin zum Gefängnis, in dem Jeanne d'Arc auf ihre Hinrichtung wartet.

Allein diese Schauplätze deuten an, dass es sich bei "Doktor Proktors Zeitbadewanne" ganz gewiss nicht um einen Film für allzu zarte Kindergemüter handelt. Wenn unter der Guillotine Köpfe rollen oder Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen brennt, zeigt sich deutlich, dass Jo Nesbø, der Autor der Buchvorlage, hauptsächlich sehr erfolgreiche und sehr blutige Kriminalromane schreibt.

Abgeschwächt wird die zumindest im Ansatz potentiell verstörende Thematik allerdings durch den exaltierten Stil, mit dem Regisseur Arlid Fröhlich auch die Fortsetzung der Reihe inszeniert. Wirkt Lise noch wie ein ganz normales Mädchen, ist Bulle mit seinen wilden roten Haaren und seinem Drang, mit hübschen Frauen – von Can-Can-Tänzerinnen im Moulin Rouge, bis zu Jeanne d'Arc selbst – zu flirten, ganz und gar nicht durchschnittlich. Auch Doktor Proktor selbst wirkt wie die noch zusätzlich überzeichnete Version eines durchgeknallten Erfinders, während Raspa mit ihren wirren Haaren, unzähligen Warzen und miserablen Zähnen an das Klischee einer verrückten Hexe denken lässt.

Verstärkt wird diese Figurenzeichnung durch einen visuellen Stil voller greller Farben, durch Fischaugenlinsen verzerrte Nahaufnahmen und viele Furzwitze. Zumindest an der Oberfläche ist das alles andere als subtil, erzählt jedoch bei aller wilden Anarchie eine interessante Geschichte über den Versuch, die Vergangenheit zu ändern. Immer weiter in die Zeit zurück führt die Reise, die nur das Ziel hat, Doktor Proktor und seine große Liebe Juliette in der Gegenwart zu vereinen. Um dieses Ziel zu erreichen, um die Vergangenheit wirklich zu ändern, ist ein großes Opfer nötig, ein Akt der Selbstlosigkeit, der "Doktor Proktors Zeitbadewanne" endgültig zu einem inhaltlich erstaunlich radikalen Film machen, der nur bedingt als Kinderfilm zu bezeichnen ist.
 
Michael Meyns