Downhill

Im US-Remake des skandinavischen Kritikerlieblings „Höhere Gewalt“ muss sich erneut eine Familie mit dem vermeintlichen Fehlverhalten des Vaters auseinandersetzen, als eine gewaltige Lawine über sie hereinbricht. Nat Faxon und Jim Rash gehen die Szenerie mit „Downhill“ allerdings einen Hauch anders an – und liefern dadurch sogar den besseren Film ab.

USA 2020
Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash, Jesse Armstrong
Regie: Nat Faxon, Jim Rash
Darsteller: Julia Louis-Dreyfus, Will Ferrell, Miranda Otto, Zoe Chao, Zach Woods, Julian Grey, Kristofer Hivju, Ammon Jacob Ford
Verleih: Fox/Disney
Länge 86 Min.
Start: n.n.

FILMKRITIK:

Für Pete (Will Ferrell) und Billie Stanton (Julia Louis-Dreyfus) und ihre beiden Jungs ist es der Skiurlaub ihres Lebens: eine Woche in den österreichischen Alpen. Da beide Elternteile in ihrem Job ordentlich gefordert werden, wollen sie nun für sieben Tage die Seele baumeln und den Alltag hinter sich lassen. Doch was als wunderbare Woche des Skifahrens und Zusammenseins geplant war, wird stattdessen zu einer Reihe unangenehmer und emotional belasteter Momente, in denen Pete und Billie auf eine Weise ehrlich mit sich selbst und untereinander sein müssen, wie sie es nicht erwartet hatten. Denn als zu Beginn der Reise eine kontrollierte Lawine über die Familie hereinbricht, reagiert Pete so gar nicht, wie es seine Familie eigentlich von ihm erwartet hätte…
2014 stammte einer der weltweiten Kritikerlieblinge aus Skandinavien. Regisseur Ruben Östlunds Familiendrama „Höhe Gewalt“ erhielt sogar die große Ehre, für das Koproduktionsland Schweden ins Rennen um den Golden Globe sowie den Oscar zu gehen. Bei ersterem schaffte er es unter die letzten fünf. Die Nominierung für den Academy Award blieb ihm derweil verwehrt. Beides ist verständlich. Denn auch wenn der „The Square“-Regisseur auf den ersten Blick bestechend scharf eine Ehe seziert, finden sich unter der Oberfläche doch jede Menge Klischees und Verallgemeinerungen, dank derer man die Qualität von „Höhere Gewalt“ unbedingt hinterfragen sollte. Östlund machte es sich nämlich nicht nur verdammt einfach, einen brodelnden Konflikt abzubilden, indem er seine Figuren die offenen Fragen vornehmlich totschweigen ließ, anstatt sie offen miteinander kommunizieren zu lassen. Allen voran das Beharren auf geschlechtsspezifische Verhaltensweisen (in Wirklichkeit sind alle Männer feige, alle Frauen stark und mutig) macht „Höhere Gewalt“ hier und da einseitig.
Nun nahmen sich die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Nat Faxon und Jim Rash gemeinsam mit ihrem Co-Autor Jesse Armstrong („Four Lions“) des Stoffes an. Auch in ihrer dritten Zusammenarbeit nach „The Descendants“ und „Ganz weit hinten“ erweisen sich die beiden Autorenfilmer als kongeniale Beobachter menschlicher Ausnahmesituationen und heben Östlunds Originalstoff mithilfe gezielter Änderungen in Tonalität und Inszenierung auf eine ganz neue Ebene.
Die Ausgangslage in „Höhere Gewalt“ und „Downhill“ ist dieselbe: Zu Beginn ihres Skiurlaubs wird die im Mittelpunkt stehende Familie von einer Lawine überrollt. Und auch wenn am Ende alles gut ausgeht, ist es vor allem das Verhalten ihres Gatten, das die Ehefrau und Mutter Billie nachhaltig verstört. Denn anstatt seine Liebsten zu beschützen, schnappt sich Pete noch rasch sein Smartphone, ehe er alleine flüchtet. Erst als sich die Lage beruhigt hat, kehrt er wieder zu ihnen zurück und hat längst mit der Situation abgeschlossen, während seine Gattin die vielen Eindrücke erst noch verarbeiten muss. Ein Streit schwillt an, der zusätzlich davon genährt wird, dass sich Pete keiner Schuld bewusst ist und seine Reaktion als Übersprungshandlung abtut, während Billie vom Verhalten ihres Mannes maßlos enttäuscht ist und fortan nicht nur seinen Gemütszustand, sondern vor allem die Stabilität ihrer Ehe infrage stellt.
Während sich Ruben Östlund ab diesem Zeitpunkt vor allem auf die unausgesprochenen Querelen seiner Protagonisten konzentrierte, lassen Jim Rash und Nat Faxon ihre beiden Hauptfiguren von Anfang an offen miteinander kommunizieren. Schon lange vor dem Lawinenabgang scheint es zwischen Billie und Pete zu kriseln, auch wenn beide diese Tatsache als zwangsläufig abtun; schließlich sind die beiden schon lange miteinander verheiratet. Durch die Katastrophe werden die unterschwellig ausgetragenen Streitpunkte allerdings neu angeheizt.
Anstatt sich weiter hinter Ausreden und Rechtfertigungen zu verstecken – so lange, bis Östlund subtil die Möglichkeit eines großen Knalls heraufbeschwört – sucht Billie das Gespräch respektive den Streit. „Downhill“ ist somit von Anfang an deutlich konfrontativer als „Höhere Gewalt“, was den Machern insbesondere auf der Dialogebene diverse neue Möglichkeiten bietet. Denn wo Östlund in seinem Film den Umständen entsprechend keinerlei Humor zuließ, verorten Jim Rash und Nat Faxon ihre Geschichte klar auch in der Komödie.
Wie Pete hier über bisweilen skurrile Argumentation seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht, während sich Billie nicht minder amüsant als unfehlbar darzustellen versucht, wird von den Hauptdarstellern Will Ferrell („Holmes & Watson“) und Julia Louis-Dreyfus („Genug gesagt“) kongenial dargeboten. Immer auch die in ihn schwelende Traurigkeit ob des geplatzten Traumurlaubs berücksichtigend, haben die beiden sichtbar Spaß an den großen, bis an die Grenze zur Hysterie angelegten Streits. Eine Szene, in der ein von Pete als Überraschung geplanter Helikopterausflug aufgrund kleinster Unstimmigkeiten in ein absolutes Desaster mündet, ist auf der einen Seite zum Brüllen komisch und legt auf der anderen Seite all die Probleme zwischen dem Ehepaar frei, dass man am Ende weder weiß: Soll man nun lachen oder weinen? Und auf welcher Seite stehe ich hier eigentlich?
Wie sich Jim Rash und Nat Faxon trotz ihrer gelungenen Akzentverschiebung auch vor dem Original verbeugen, wird zwischendurch immer wieder deutlich, wenn die beiden respektive Kameramann Danny Cohen („Florence Foster Jenkins“) nicht bloß einzelne Bilder wie etwa die Bebilderung des Lawinenabgangs aus „Höhere Gewalt“ eins zu eins übernehmen, sondern auch gezielt Szenenabläufe rezitieren, zu denen auch Teile des Finals gehören. Spannender sind natürlich dennoch vor allem jene Momente, in denen die beiden sich gezielt von der Vorlage lossagen. So überzeugt nicht bloß der finale Shot aufgrund seiner Doppeldeutigkeit wesentlich mehr als das deutlich düstere Ende aus „Höhere Gewalt“.
Auch die komplexere Figurenzeichnung des Ehepaares macht „Downhill“ zu dem spannenderen Film. Anstatt sich in der Debatte auf vorgefertigte Gendermuster zu konzentrieren, Pete in die Täter- und Billie in die Opferrolle zu drängen, liefern sich beide eine Debatte auf Augenhöhe, da beide nicht frei von Schwächen sind und die Frage, ob Pete wirklich ein Feigling ist oder nur im Affekt gehandelt hat, deutlich breiter aufgefächert wird. Und so ist „Downhill“ letztlich der deutlich bessere Film. Auch wenn hier doch deutlich mehr gelacht werden darf als in Ruben Östlunds Original.

Antje Wessels