Duke of Burgundy

Eine Art „50 Shades of Grey“ für das Arthouse-Publikum ist Peter Stricklands „Duke of Burgundy“, in dem der britische Regisseur erneut eine Hommage an das Kino der 70er Jahre mit einem fast schon klassischen Drama verknüpft. Stilistisch außerordentlich, inhaltlich bisweilen enigmatisch bis an die Grenze zur Beliebigkeit ist dies ein Film für ausgesuchten Geschmack.

Webseite: www.salzgeber.de/kino

Großbritannien 2014
Regie, Buch: Peter Strickland
Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna, Eugenia Caruso, Monica Swinn, Fatma Mohamed, Kata Bartsch, Zita Kraszkó, Eszter Tompa
Länge: 106 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 3. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Schon Peter Stricklands letzter Film „Berberian Sound Studio“ war eine Hommage an den Giallo, jenes vor allem in Italien und Frankreich entstandene Genre, zu dessen bekanntesten Vertretern zum Beispiel Jess Franco oder Dario Argento zählten, die eine ganz eigene Mischung aus Sex, Gewalt, psychedelischen Farben und Surrealismus erfanden. So explizit wie diese Filme ist „Duke of Burgundy“ nie, doch schon die mit schwülstig-romantischer Musik unterlegte Eröffnungssequenz deutet unmissverständlich an, in welche Welt man sich hier begibt. Die junge Evelyn (Chiara D’Anna) radelt da durch malerische Landschaft und klopft schließlich an die Tür der älteren Cynthia (Sidse Babett Knudsen). Kalt wird Evelyn empfangen und an die Arbeit geschickt: Putzen, Unterwäsche waschen und generell den Befehlen Cynthias folgen. Bald stellt sich jedoch heraus, dass dieses Herrin und Dienerin-Verhältnis nur ein Spiel ist, ein Rollenspiel genauer gesagt, dass dem lesbischen Paar zur sexuellen Befriedigung dient. Doch nicht etwa die ältere, erfahrene Cynthia ist die Initiatorin des Spiels, sondern ihre junge, bisweilen fast kindlich naive Geliebte Evelyn.

Immer deutlicher wird, welch präzise Anweisungen Evelyn Cynthia erteilt, wie sie die Regeln des Spiels bis ins letzte Detail festgelegt hat und Cynthia auch schon mal während des Spiels daran erinnert, doch bitte strenger mit ihr umzugehen, ihre Befehle mit überzeugenderem Ton zu äußern. Und auch wenn Cynthia ihrer Geliebten zuliebe das Spiel mitspielt wird doch zunehmend deutlich, dass sie eigentlich ganz andere Vorstellungen vom Zusammenleben hat. Sie ist Insektenforscherin, die vor einer nur aus Frauen bestehenden Zuhörerinnengruppe gelehrte Vorträge über das Paarungsverhalten von Insekten gibt. Kein einziger Mann bevölkert diese Welt, die mit ihren zeitlosen, makellos ausgestatteten Räumen ohnehin wie eine surreale Fantasie wirkt.

Bisweilen droht Peter Strickland in der selbst geschaffenen Oberfläche seines Films zu ersticken. So perfekt sieht „Duke of Burgundy“ aus, so makellos sind die Kostüme – nicht zuletzt die ausgiebig zur Schau gestellte Unterwäsche – so enigmatisch die Metaphorik der Insektenforschung, dass der Film immer wieder Gefahr droht, allzu klinisch perfekt zu bleiben. Oft scheint die sinnliche, erotische Oberfläche (die trotz zahlreicher Sexszenen dennoch ohne jegliche plakative Nacktheit auskommt), die Substanz der Geschichte zu überdecken: Die einer gespannten Beziehung, die durch sadomasochistische Rollenspiele am Leben erhalten wird, die zumindest einen der Partner immer weniger befriedigen.

Gerade die dänische Hauptdarstellerin Sidse Babett Knudsen (in Deutschland vor allem bekannt als Premierministerin aus der TV-Serie "Borgen") versteht es mit minimaler Mimik, die Ambivalenz ihrer Figur anzudeuten. Wirkt sie zu Beginn noch wie die dominante, alles unter Kontrolle habende Figur, entgleiten ihr zunehmend die Gesichtszüge, wenn deutlich wird, dass sie viel, vielleicht zu viel von ihrer Persönlichkeit aufgibt, um ihre Geliebte zu halten. Mit seiner subtilen Analyse einer sadomasochistischen Beziehung, ist Peter Strickland ein stilistisch brillanter Film gelungen, der sicher nicht jedermanns (und fraus) Sache, aber ohne Frage außergewöhnlich ist.
 
Michael Meyns