Eden – Lost in Music

Episch und doch intim sind die Filme von Mia Hansen-Love, ausufernd, vielschichtig und im Kern doch Charakterstudien. Die dreht sich in ihrem herausragenden neuen "Eden" um einen DJ, der im Lauf vieler Jahre erkennen muss, wie schwer es ist, sich aus den bürgerlichen Konventionen zu befreien und welchen Preis, ein anderes, ein freies Leben kosten kann.

Webseite: www.eden-film.de

Frankreich 2014
Regie: Mia Hansen-Love
Buch: Mia Hansen-Love, Sven Hansen-Love
Darsteller: Félix de Givry, Pauline Etienne, Vincent Macaigne, Roman Kolinka, Greta Gerwig, Brady Corbet
Länge: 131 Minuten
Verleih: Alamaode
Kinostart: 30. April 2015

 

FILMKRITIK:

Paris, Anfang der 90er Jahre. Noch geht Paul (Félix de Givry) zur Schule, doch seine wahre Leidenschaft ist die Musik. Auf Underground-Partys taucht er in die Welt des sich gerade entwickelnden "French House" ein, gründet mit einem Freund bald ein eigenes Label, veranstaltet Partys, wird als DJ bekannt, aber doch kein Star. Wechselnde Frauen teilen für kurze Zeit sein Leben, die Drogen werden härter, ebenso die Sitten, und stets sucht Paul weiter nach einem Leben, das frei von den Zwängen der Bürgerlichkeit ist, frei von der Verantwortung, den Familienstrukturen, in denen sich seine Freunde und seine Ex-Freundinnen zunehmend wiederfinden.

Auf den ersten Blick mag es so wirken, dass "Eden", der vierte Film von Mia Hansen-Love, vor allem dann sehenswert ist, wenn man sich für die französische Techno-Musik-Szene interessiert. Erstaunlich penibel zeichnet die Regisseurin die Entwicklung dessen nach, was als "French House" bezeichnet wird, eine beatlastige, sehr tanzbare Mischung aus Disco, hartem Detroit-House und anderen Einflüssen, die Anfang der 90er Jahre entstand und nicht zuletzt mit dem Namen "Daft Punk" verbunden ist. So berühmt wie dieses Duo wurde Sven Hansen-Love, Mias Bruder zwar nie, ein etablierter DJ war er dennoch. Lose basiert "Eden" auf seinem Leben, seinen Erlebnissen als um die Welt jettender DJ, der viele Drogen, Champagner und Frauen konsumierte. Doch so präzise und authentisch die Nachzeichnung dieser ganz speziellen Musikszene, ihrer Partys und Exzesse auch ist, im Kern geht es Mia Hansen-Love wie immer in erster Linie um die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten und leben.

So wie es in "Der Vater meiner Kinder" die Filmszene und in "Eine Jugendliebe" der Bereich der Architektur war, ist es in "Eden" die Musikszene, die Hintergrund ist. Wobei der Begriff Hintergrund nicht ganz zutreffend ist, denn die große Qualität von Hansen-Loves Blick ist es, eine ganz Welt quasi gleichberechtigt abzubilden. Es wäre möglich, "Eden" als fast dokumentarischen Blick auf eine Musikszene zu verstehen, doch ganz beiläufig erzählt Hansen-Love von den großen Fragen der menschlichen Existenz, von der Suche nach einem Sinn im Leben, einem Platz, den man sich selbst suchen muss.

Für Paul bedeutet dies vor allem seine Unabhängigkeit, aber dann Erfolg, Geld und irgendwie doch die Stabilität einer Beziehung. Am Anfang ist er mit Julia (Greta Gerwig) zusammen, einer etwas älteren amerikanischen Frau, die wie so viele Amerikaner ein paar Monate in Paris verbringt, auf den Spuren der Literaten der Lost Generation wandelt, denen sie nachstrebt. Irgendwann kehrt sie in die Staaten zurück und die Liaison ist vorbei. Zwei, drei Mal wird Paul Julia im Laufe des Films, im Laufe der Jahre treffen, und während sich ihr Leben verändert, sie bald schwanger ist, bald als Schriftstellerin erste Erfolge feiert, sagt sie nach Jahren einmal zu Paul: "Es ist verblüffend, wie wenig du dich verändert hast". Auch diesen Satz stellt Hansen-Love so wertneutral in den Raum, dass er gleichzeitig Bewunderung und Irritation vermittelt, gleichermaßen für den auch mit Mitte 30 noch jungen Paul steht, der ein freies, zwangloses Leben führt, aber auch eine gewisse Tragik offenbart, für einen Mann, der immer noch nach dem sucht, was ihn im Leben zufrieden stellt.

Was das ist beantwortet Mia Hansen-Love natürlich nicht und zeigt stattdessen viele verschiedene Lebensmodelle, die manche Menschen mit ihrer Freiheit überfordern und zerstören, andere mit ihren Zwängen einengen oder doch beflügeln. Am Ende ist "Eden" so vielschichtig und offen wie das Leben selbst, auch wenn sich das wahre Leben meist nicht so gut anhört und nicht immer so ästhetisch ist wie dieser herausragende Film.
 
Michael Meyns