Ein Weg – Auf den Spuren einer langen Beziehung

„Ein Weg“ ist ein außergewöhnlicher Liebesfilm. Er richtet sein Augenmerk nicht ausschließlich darauf, wie zwei Menschen sich verlieben oder zusammen eine einzelne Krisensituation durchleben. Vielmehr seziert der Diplomfilm anhand von Rückblicken das komplette Spektrum einer fünfzehnjährigen Beziehung. Mit allem was dazugehört: Momente der Euphorie und des Glücks, Augenblicke großer Tragik und Verletzlichkeit. Und: der Herausforderung, Alltag und Routine zu meistern. „Ein Weg“ ist ein aufwühlendes, mitreißend gespieltes Liebesdrama. Ehrlich und lebensnah.

Webseite: www.einweg-film.de

Deutschland 2017
Regie: Chris Miera
Buch: Philipp Österle, Chris Miera
Darsteller: Mike Hoffmann, Mathis Reinhardt, Tom Böttcher, Cai Cohrs, Eva Horacek
Länge: 107 Minuten
Verleih: Pro-Fun Media
Kinostart: 11.01.2018

FILMKRITIK:

Ein kleiner Ort in Thüringen. Die Tischlerwerkstatt von Andreas (Mike Hoffmann) läuft wieder gut und sein Freund Martin (Mathis Reinhardt) ist beruflich nicht mehr so oft unterwegs. Max (Tom Böttcher), der 19-jährige Sohn, ist mittlerweile ausgezogen. Endlich ist wieder mehr Zeit für die Beziehung da. Zu zweit fahren Andreas und Martin im Herbst an die Ostsee. Ein jährliches Ritual. Doch diesmal ist die Stimmung schlecht. Viel zu sagen haben sich die Beiden nicht mehr. Ohnehin wäre Martin viel lieber zu Hause geblieben und das schlechte Wetter drückt die Stimmung zusätzlich. Im Ferienhaus versuchen sie, sich einander wieder anzunähern.

„Ein Weg“ ist der Diplomfilm von Chris Miera, der damit sein Regie-Studium an der Filmuniversität Babelsberg, abschließt. Er inszenierte bereits als Schüler seinen ersten eigenen Film. Für „Ein Weg“ konnte er zwei bekannte deutsche Schauspieler gewinnen, die seit vielen Jahren sowohl auf Theaterbühnen als auch in Film und Fernsehen zu Hause sind: Mathis Reinhardt war bisher u.a. „Tatort“ und bei „SOKO Leipzig“ zu sehen. Mike Hoffmann stand schon für Serien wie „Die Küstenwache" oder „In aller Freundschaft“ vor der Kamera.

Chris Miera beweist, dass auch mit einfachsten Mitteln und einem geringen Budget, bewegende Filme von großer Dringlichkeit entstehen können. Und enormer Wahrhaftigkeit. Denn es ist vor allem der hohe Grad an Realismus, der den Film so stark macht. Zu verdanken ist dies in erster Linie der Tatsache, dass es dabei um ein quasi-dokumentarisches Werk handelt. Denn Miera nutzt für seinen inhaltlich verdichteten Film – eine Art zusammenfassender Rundumblick auf 15 Jahre Beziehung – die Technik und Erzählweise des Dokumentarfilms. Heißt: viele der Dialoge entwickeln sich spontan, die Handkamera übernimmt die Rolle eines beobachtenden Zuschauers und Miera lässt den Darstellern in ihrem Spiel Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten.

Auf berührende Weise und äußerst glaubwürdig, bringen Mike Hoffmann und Mathis Reinhardt einige Schlüsselereignisse ihrer langjährigen Partnerschaft auf die Leinwand. Dazu zählen die euphorische Kennenlernphase, der erste Kuss, ein in einer kleinen Kirche abgegebenes, ganz besonderes Versprechen oder ein Moment gewaltiger Trauer und Verletzlichkeit. Dieser ist zugleich eine der bewegendsten Szenen des Films: wenn Andreas vom Tod seiner Ex-Frau erfährt und er kurz darauf Martin unter Tränen darum bittet, ihm bei der Erziehung von Max zur Seite zu stehen. Martin muss nicht eine Sekunde überlegen.

„Ein Weg“ konzentriert sich zudem auf den ganz normalen Beziehungsalltag. Ein weiterer Grund, weshalb der Film so echt und aufrichtig wirkt. Dass es nicht immer nur das große Drama oder ein tragisches Ereignis braucht, um eine Partnerschaft ins Wanken zu bringen, zeigt Miera dabei ganz beiläufig. Beziehungsalltag und Routine alleine, können schon zermürben. Wenn die Bedürfnisse im Laufe der Jahre immer unterschiedlicher werden und die stets gleichen Tagesabläufe die Spannung und das Prickeln der ersten Zeit allmählich im Keim ersticken. Und sich – wie im Film – schon Kleinigkeiten wie ein gemeinsamer Einkauf im Supermarkt, zum emotionalen Spießroutenlauf entwickeln können.

Darüber hinaus stellt der Film genau die richtigen, allgemeinen Kernfragen: was braucht es, damit sich unter all den Milliarden Menschen auf der Welt zwei finden, die sich entscheiden, ihr Leben miteinander zu teilen? Und: wieso trennen sich zwei Liebende, die doch  offensichtlich füreinander bestimmt sind und sich in vielen gemeinsamen Jahren so viel aufgebaut haben?

Björn Schneider