Eine private Angelegenheit

Die Namen Paolo und Vittorio Taviani sind untrennbar mit der Geschichte des italienischen Kinos verbunden. Mehr als 60 Jahre haben die Brüder gemeinsam Filme gedreht. “Die Nacht von San Lorenzo” ist wohl ihr wichtigster Film, „Eine private Angelegenheit“ ist ihr definitiv letzter, nachdem der ältere Vittorio schon beim Dreh der letzten Szenen nicht mehr am Set sein konnte und schließlich im April 2018 im Alter von 88 Jahren in Rom verstarb. Thematisch widmen sie sich der Zeit des Antifaschismus in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Ein Partisanenkämpfer sucht darin inmitten der Wirren nach einem früheren Freund, der sich wie er für die gleiche Frau interessierte. Neben Mut und Widerstand geht es auch um eine persönliche Befreiung.

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OT: Una questione privata, OmU
Italien 2017
Regie: Paolo & Vittorio Taviani; nach dem gleichnamigen Roman von Beppe Fenoglio
Darsteller: Luca Marinelli, Lorenzo Richelmy, Valentina Bellé, Giulio Beranek, Francesca Agostini
Länge: 85 Minuten
Verleih: Kairos
Kinostart: 3.9.2020

FILMKRITIK:

Der Wind pfeift, Wolkenfetzen ziehen über die Flanken der Berge im Piemont, zwei Männer mit Schnellfeuerwaffen im Anschlag hasten durch das Gelände. Einer von ihnen ist Milton. Seine Partisanenkameraden sorgen sich, dass er verrückt sei. Was ihn tatsächlich beschäftigt ist die Sehnsucht nach der beim Hören von Judy Garlands „Somewhere over the rainbow“ dahinschmelzenden Fulvia. Dass er es nicht geschafft hat, ihr seine Liebe zu gestehen, wurmt ihn, mehr noch, als ihm Andeutungen zu verstehen geben, dass sie vor ihrem Wegzug nach Turin auch eine engere Verbindung zu seinem langjährigen Freund Giorgio gehabt haben könnte. Ihn direkt darauf ansprechen, das aber kann Milton nicht, denn die Faschisten haben ihn gefangen genommen. Seine einzige Chance: auch Milton muss eine auf Seiten der Deutschen Wehrmacht kämpfenden „Kakerlaken“ in seine Gewalt bringen, um so einen Tausch zu ermöglichen. Bei den Menschen, denen er bei seiner Suche begegnet, kann er selbst nie sicher sein, auf welcher Seite sie stehen. Sinnbildlich gesprochen steht jeder also ein bisschen im Nebel.

Ob atmosphärischer Nebel über dem Tal oder Gedankenverklärung im Kopf – die Tavianis nutzen diesen Nebel auch als Projektionsfläche, um in Rückblenden von der Beziehung zwischen dem zurückhaltenden Milton, dem weitaus entschlosseneren Giorgio und der von Judy Garland und Tanzabenden begeisterten Fulvia zu erzählen. Während das Herumirren in den schutzlosen Bergen in grauen und tristen Tönen gehalten ist, scheinen die Erinnerungen in warmen, tröstenden Farben auf. Immer wieder blickt die Kamera dabei in Nahaufnahme – auch früher schon ein gerne von den Tavianis genutztes Stilmittel – in das traurige Gesicht Miltons, besonders lange zur Hälfte des Films auch in das Antlitz eines gefangenen Schwarzhemdes, der wild mit Stöcken wie ein Schlagzeuger durch die Luft wirbelt und dazu Geräusche macht, die im Kopf von Milton mit dem Geratter von Maschinengewehren verschmelzen. Nicht einmal die eigenen Leute wollen diesen wahnsinnig gewordenen Faschisten zurückhaben, erklärt man Milton.

Auch wenn sie von einer Vergangenheit erzählen, so empfinden die Tavianis das Thema Antifaschismus nach wie vor aktuell, nachdem sich nicht nur in Italien, sondern auch anderswo, Nationalisten und Populisten mit hohlen Phrasen und ohne Lösungsansätze mehren. „Mein Bruder Vittorio und ich spürten die Dringlichkeit, von den Partisanen und vom Widerstand zu erzählen. Und wir haben es mit dem besten von allen gemacht: mit Beppe Fenoglio und seinem 1963 erschienenen Roman über die Resistenza in Italien“, sagte Paolo Taviani in einem Interview. Auch in „La notte di San Lorenzo“ aus dem Jahr 1982 hatten sie sich bereits mit diesem dunklen Kapitel auseinandergesetzt.

Den Widerstandskampf und das Morden der Faschisten selbst behandeln die Tavianis in „Eine private Angelegenheit“ aus der Distanz oder verlegen die Gräueltaten des Krieges gleich ins Off. Wie in früheren Filmen setzen sie mit der Landschaft einen Gegenpol zum menschlichen Drama und betten es in einen universellen Rahmen. „Du spürst es doch auch“, sagt Fulvia mit fragendem Ton über das Gefühl eines nicht mehr greifbaren Traums, nachdem sich Judy Garland zum anscheinend 28. Mal in die Auslaufrille der Schallplatte verabschiedet hat. Was Milton tatsächlich spürt, bleibt in diesem Moment ungewiss – und es wird einige lange Abschweifungen dauern, bis er es weiß.

Thomas Volkmann