Eisenstein in Guanjuato

Auf seine alten Tage mutiert der zuletzt bis zur Unerträglichkeit verquaste Peter Greenaway fast zum frivolen Pedro Almodóvar und präsentiert ein ebenso deftiges wie vergnüglich verspieltes Biografie-Stück über Sergej Eisenstein. Anno 1931 reist das exzentrische Regie-Genie nach Guanajuato, um sein Epos „Que viva Mexico!“ zu drehen. Dabei entdeckt er nicht nur eine andere Kultur, sondern auch den eigenen Körper völlig neu – die Verführungskünste eines charismatischen Dieners machen's möglich. Die gefeierte Ikone des sowjetischen Kinos ein schwuler Künstler? Das homophobe Russland von heute dürfte staunen! Cineastischer Bildungslücken-Füller der amüsanten Art – wer hätte gedacht, dass Greenaway Humor hat? Sein Comeback mit Coming-Out-Effekt gelingt gekonnt!

Webseite: www.eisenstein-film.de

Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien 2015
Regie: Peter Greenaway
Darsteller: Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis, Jakob Öhrman, Maya Zapata, Lisa Owen
Filmlänge: 105 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: n.n.
 

FILMKRITIK:

Mit nur drei Filmen hat es der junge Sergej Eisenstein in den Regie-Olymp geschafft. „Streik“, „Panzerkreuzer Potemkin“ und „Oktober“ zählen zu den Meisterwerken der Stummfilm-Ära. Mit 33 Jahren reist der junge Regie-Revolutionär nach Mexiko, um dort sein Epos „Que viva Mexico!“ zu drehen, das vom amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair finanziert wird. Mit des Künstlers Ankunft in Guanjuato beginnt Greenaway seinen biografischen Schnappschuss. „Zehn Tage, die Eisenstein erschüttern“ beschreibt er im Vorspann sein Thema – eine süffisante Anspielung an jene „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ aus der Unterzeile von „Oktober“. Mit Pomp und Pathos wird der berühmte Gast an den Stufen des herrschaftlichen Hotels vom Künstler-Kollegen Diego Rivera und seiner junge Frau Frida Kahlo empfangen. Sehr schnell entpuppt sich Genosse Eisenstein als exzentrischer Wuschelkopf à la „Amadeus“: Eine Mischung aus quengelndem Kind, launischem Clown und selbstverliebtem Genie. 
 
Mit großen Augen stolpert der Russe (gespielt vom Finnen Elmer Bäck) durch die fremde Welt. Zum Glück hat er mit Palomino Cañedo einen einheimischen Führer, der ihn souverän aus misslichen Lagen rettet. Der hübsche Latino mit dem lässigen Schnauzbärtchen (Luis Alberti als perfekter Verführer) wird dem Gast nicht nur Land und Leute zeigen, sondern auch etwas Nachhilfe in Sachen Liebe geben – wovon die männliche Jungfrau sich zunehmend begeistert zeigt. Nachdem ihm der Diener die Luxus-Dusche erklärt hat, verarbeitet der verklemmte Künstler die Erregung durch verschämten Gespräche mit seinem „Señor Schwanz". Später wird er, unter der Dusche nach Moskau telefonierend, seiner Assistentin von den Vorzügen der mittäglichen Siesta vorschwärmen, die ihm Palomino gerade beigebracht habe. Beim braven Schläfchen allein bleibt es freilich nicht lange. Zwar jammert der Regisseur beim Ausziehen heftig über seinen unförmigen Körper, sein attraktiver Führer wischt solches Selbstmitleid jedoch mit smarten Sprüchen souverän hinweg. Der charismatischen Flirtoffensive des charmanten Mexikaners hält die pummelige Regie-Ikone nicht lange stand. Als Bonus zur Entjungferung gibt’s währenddessen einen kleinen Vortrag von Palomino über die Geschichte und Ausbreitung der Syphilis sowie, nach vollbrachtem Akt, ein rotes Fähnchen – schließlich feiert die Revolution ihren Geburtstag.
 
Bei der Darstellung nackter Körper entsprach Greenaway bislang schon kaum dem Bild britischer Prüderie. Nun hat er dazu noch den Humor entdeckt, was der freizügigen Sache kaum schadet. Formal erweist er sich gleichfalls vergnüglich verspielt. Dem Maestro der Filmmontage wird standesgemäß mit allerlei kreisenden Kamerafahrten sowie reichlich Split-Screens gehuldigt. Wie einen Altar baut Greenaway gelegentlich seinen Bild-Triptychon auf, um dort in drei Ansichten die Perspektiven oder das Tempo zu wechseln. Bisweilen nutzt er diese Seitenflügel, um mit filmischen Belegen die Dialoge beweiskräftig zu untermalen. Fällt etwa das Stichwort „Panzerkreuzer Potemkin", rattern rechts und links am Bildrand die bekannten Ausschnitte des Films vorbei – Alexander Kluge hätte sein schiere Freude an solch cineastischen Mulitmedia-Präsentationen. Für das Publikum gerät die formale Spielwiese gleichfalls zum Vergnügen: Vorbei endlich jene bleischweren Zeiten, in denen Greenaway mit überambitioniert verquasten Projekte wie „The Tulse Luper Suitcases" zu einem schrulligen Eigenbrötler geriet, der seinen einst so exzellenter „Kontrakt des Zeichners“-Ruf rapide ruinierte.  
 
Wer Einblicke in die Dreharbeiten von „Que viva Mexico!“ oder die Querelen des Regisseurs mit Stalin und Sinclair erwartet, wird enttäuscht. Lediglich ein einziges Mal sieht man den Regisseur am Set jenes Films, für den er über 50 Stunden Material produzierte und der dann doch nie fertig gestellt wurde. Greenaway interessiert sich für den Menschen hinter dem Kino-Magier und für dessen schwankenden Seelenzustand. Dieses Kurz-Porträt in zehn Tagen gelingt bravourös. Mehr noch: Dieses gefeierte Regie-Genie der Sowjetunion als schwulen Künstler zu präsentieren, dürfte das homophobe Russland durchaus in Verlegenheit bringen. Eine Beteiligung an dem Projekt lehnten die Russen bereits empört ab. Ganz so einfach ist stalinistische Geschichtsschreibung heute freilich nicht mehr: „Que viva Eisenstein!“

Dieter Oßwald