El Viaje – Ein Musikfilm mit Rodrigo Gonzales

Im Frühjahr 1974, als Sechsjähriger, kam Rodrigo „Rod“ Gonzalez nach Hamburg, nachdem seine Familie unter dem Eindruck des Pinochet-Putsches aus Chile geflüchtet war. Jahre später feierte er als Bassist und Songwriter der Punkband „Die Ärzte“ große Erfolge. In der Reise- und Musikdoku „El Viaje“ unternimmt Gonzalez nun eine Reise zurück nach Chile, um der chilenischen Protestmusik aus Zeiten der Militärdiktatur nachzuspüren. Begleitet wird er vom Filmemacher Nahuel Lopez, einem Freund aus Kindertagen, dessen Familie ebenfalls aus Chile emigrierte. In Gesprächen mit zentralen Vertretern der Protestmusik und vielen Musikpassagen entsteht eine Hommage an die „Nueva Cancion Chilena“, die Gonzalez schon von Kindesbeinen an inspiriert hat.

Webseite: http://mindjazz-pictures.de/project/elviaje

OT: El Viaje
Deutschland 2016
Regie: Nahuel Lopez
Mitwirkende: Rodrigo Gonzalez, Alonso Nuñez, Camila Moreno, Eduardo Carasco, Eduardo Yañez, Gaston Avila, Ismael Oddo
Länge: 93 Min.
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 11. August 2016
 

FILMKRITIK:

Die unter dem Begriff „Nueva Canción Chilena“ subsumierte chilenische Protestmusik der 1960er- und 70er-Jahre ist in vielen Fällen nur mündlich überliefert und daher gemeinsam mit den damaligen Liedermachern vom Verschwinden bedroht. Der Plan des „Die Ärzte“-Bassisten Rodrigo Gonzalez, ein Album mit alten wie neuen Vertretern der Musikrichtung aufzunehmen, verfügt also über einen archivarischen, musikgeschichtlichen Unterbau. Zugleich unternimmt Rod Gonzalez aber auch eine sehr persönliche Reise, die ihn zurück in sein Geburtsland Chile führt, das seine Familie im Februar 1974 unter dem Eindruck der Pinochet-Diktatur verließ. Damals landeten der sechsjährige Gonzalez und seine Eltern als Flüchtlinge in Hamburg. Und dort beginnt Rod seine Musikreise zurück nach Chile, im Gespräch mit seinem Vater, der vor der Emigration in der Protestmusikszene aktiv war.
 
In Chile reist Gonzalez gemeinsam mit seinem Sandkastenfreund Nahuel Lopez durch das Land und trifft unter anderem den Philosophen Eduardo Carrasco oder den Musiker Eduardo Yañez, mit dem er das Stadion von Santiago besucht. Hier wurde Yañez nebst vielen anderen Regimegegnern verhört und gefoltert, als Pinochet seinen Militärputsch anzettelte. Die Sänger, Musiker und Texter der Protestmusik arbeiteten und musizierten während der Diktatur im Untergrund oder wanderten aus. Pinochet ließ sogar das bei den Protestlern beliebte Zupfinstrument Charango verbieten, um die Protestmusik einzudämmen.
 
Neben den Erinnerungen und Anekdoten der Musiker, die Pinochets Militärregime als Zeitzeugen miterlebt haben, spielt auch die gegenwärtige soziale Situation in Chile eine Rolle, wenn Gonzalez zum Beispiel eine Siedlung der unterdrückten Mapuche-Bevölkerung besucht. Den Bogen zur zeitgenössischen Protestmusik spannt ein Treffen mit der jungen Musikerin Camila Moreno, die mit ihren sozialkritischen Texten die Charts erobert hat,
 
Im Mittelpunkt von EL VIAJE steht die Musik selbst, für die sich Regisseur Nahuel Lopez ausreichend Zeit nimmt. Manchmal legen Rod und seine Gesprächspartner spontane Musikeinlagen ein, manchmal zeigt Lopez Ausschnitte von Live-Konzerten oder Sessions im Tonstudio. Der Protagonist Rod Gonzalez erweist sich bei alledem als zurückhaltender, sympathischer Gesprächspartner und Off-Kommentator, der seine Leidenschaft für die Protestmusik authentisch vermittelt.
 
Christian Horn