End Of The Century

International geht es zu im ersten Langfilm des argentinischen Regisseurs Lucio Castro: Ein Spanier aus Berlin und ein Argentinier aus den USA treffen in Katalonien zufällig aufeinander. Was zunächst wie ein One-Night-Stand unter vielen aussieht, entwickelt sich im episch angelegten, romantischen Drama „End of the Century“ zu einer außergewöhnlichen, Jahrzehnte umspannenden Liebesgeschichte. Ein unsentimentaler, auch visuell stark durchkomponierter Film, der von Entfremdung, Schicksalsbegegnungen und der Kraft der Gefühle handelt.

Webseite: www.pro-fun.de

Argentinien 2019
Regie & Drehbuch: Lucio Castro
Darsteller: Juan Barberini, Ramón Pujol, Mía Maestro, Mariano Lopez Seoane
Länge: 84 Minuten
Kinostart: 14. November 2019
Verleih: Pro-Fun Media

FILMKRITIK:

Es ist eine Zufallsbekanntschaft in einem Hotel in Barcelona: Der in New York lebende Dichter Ocho (Juan Barberini) und Javi (Ramon Pujol), ein in Deutschland lebender Spanier, fühlen sich sofort stark zueinander hingezogen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen kommt es zwischen den Beiden zu einem One-Night-Stand, der sich allem Anschein nach aber zunächst als unverbindlich entpuppt. Erst allmählich realisieren die zwei Männer, dass sie mehr miteinander verbindet – und dass sie sich bereits viele Jahre kennen. Denn vor 20 Jahren haben sie sich schon einmal getroffen und sind sich dabei näher gekommen. Hat die Beziehung von Och und Javi eine Chance, die Zukunft zu überdauern?

Es sind universelle, einen jeden von uns früher oder beschäftigende Themen, die Lucio Castro in seinem einfühlsam inszenierten Mix aus Drama und Liebesfilm aufgreift: Es geht um Sehnsucht, Einsamkeit, Selbstfindung sowie die schwierige Suche nach dem individuellen Glück. Und: um verpasste Gelegenheiten. Mit solchen müssen die beiden Hauptfiguren, zwei getriebene Abenteurer und Lebemänner, zurechtkommt. Denn Castros Blick zurück in die Vergangenheit sowie einige, etwas später folgende Szenen, die zeigen, was möglich gewesen wäre, verdeutlichen: Hier haben sich zwei Seelenverwandte getroffen, die füreinander bestimmt sind. Damalige Lebensumstände und komplizierte private Situationen verwandelten Javis und Ochos erste Begegnung lediglich in eine zwar leidenschaftliche, aber letztlich doch flüchtige (sexuelle) Bekanntschaft.

Castros Rückblenden zeigen zwei junge Männer, die zwei gänzlich verschiedene Leben lebten als sie es in der filmischen Gegenwart tun. Sie haben mit anderen Personen zu tun, wirken zudem viel zurückhaltender und weniger selbstbewusst bzw. in ihrem Auftreten unsicherer. Allen voran Ocho. Er ist es auch, der die Frage nach der eigenen sexuellen Identität für sich noch nicht geklärt zu haben scheint. 20 Jahre später, in Barcelona, haben sich beide weiterentwickelt. Sie sind älter und reifer geworden, Javi ist sogar verheiratet (mit einem Deutschen). Mit all dem zeigt „End of the Centuty“ was die voranschreitende Zeit sowie all die prägenden Erfahrungen und Ereignisse eines Lebens mit und aus einem Menschen machen.

Dabei gestaltet Castro die Übergange seines nonlinear erzählten Films zwischen den Zeitebenen weitestgehend fließend, der Wechsel erfolgt oft unmerklich. Darüber hinaus garniert er „End of the Century“ häufig mit kunstvollen, visuell betörenden Einstellungen und Bildkompositionen. Die Kamera bewegt sich in einigen Szenen fast tänzerisch über Gebäude, die Architektur und riesige Gemälde, die in sterilen und unterkühlt wirkenden Museumsräumen hängen.

Alles andere als unterkühlt als vielmehr elektrisierend und hemmungslos gestalten sich die gemeinsamen Leinwandmomente von Ocho und Javi, vor allem die erotischen. Die Chemie zwischen den beiden Darstellern stimmt zu jeder Zeit. Ihre Zusammentreffen (sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart) sind geprägt von einer knisternden Atmosphäre, die einen großen Reiz dieses Debüts ausmacht.

Björn Schneider