Es hätte schlimmer kommen können – Mario Adorf

Ein absolut sehenswertes Biopic: Mario Adorf erweist sich als sympathischer Geschichtenerzähler und geht gemeinsam mit dem Publikum auf die Reise durch sein langes Schauspielerleben.
Dominik Wessely ist eine wunderbar unterhaltsame, liebevoll gestaltete Dokumentation gelungen – nicht nur als Porträt, sondern auch als vergnüglicher Ausflug in die Filmgeschichte eine ganz dicke Empfehlung!

Webseite: www.nfp-md.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie: Dominik Wessely
96 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 07.11.2019

FILMKRITIK:

2020 wird Mario Adorf seinen 90. Geburtstag feiern. Kaum glaublich, dass dieser freundliche alte Herr mit den lebhaften Augen schon dieses beinahe biblische Alter erreicht hat. In Dominik Wesselys Filmporträt wirkt er so agil wie eh und je. Die Reise in die eigene Vergangenheit ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, denn gemeinsam fahren die beiden zu den einzelnen Stationen eines ganzen langen Schauspielerlebens. Der Start erfolgt im Rahmen von Dreharbeiten zu einem Film über Karl Marx, den Mario Adorf darstellt. Denn selbstverständlich ist der alte Herr immer noch aktiv. Wenn er im Auto singt, während er zum Dreh gefahren wird, dann zeigt das zum einen, dass ihm der Beruf immer noch Spaß macht, zum anderen wird hier seine Grundeinstellung sichtbar. Dieser Mann ist einfach unglaublich sympathisch – in seinem Optimismus und in seiner Bescheidenheit, in seiner Klugheit, die sehr normal und unprätentiös daherkommt und sich immer mehr Richtung Weisheit entwickelt, und in seiner liebenswürdigen, ebenso charmanten wie leicht poltrigen Offenheit.
 
Als kleines Kind kommt Mario Adorf, der als Sohn einer Röntgenassistentin und eines verheirateten italienischen Arztes 1930 in Zürich geboren wurde, mit seiner Mutter zurück in ihren Geburtsort: Meyen in der Eifel. Um sich und ihren Sohn ernähren zu können, wird sie zur „ewigen Lampe“, wie Mario Adorf sie bezeichnet. Sie arbeitet die Nacht durch an der Nähmaschine, deren Surren begleitet das Kind in den Schlaf. Nach dem Abitur und ein paar Semestern in Mainz und Zürich, wo er am Schauspielhaus jobbt, bricht er das Studium zugunsten des Theaters ab. Sein Lebenslauf als Bewerbung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist erhalten. Mario Adorf liest ihn – sichtlich gerührt – vor, und sowohl der Tonfall als auch der Inhalt der Bewerbung verraten viel über den jungen Schauspieler und über das, was ihn bis heute unvergleichlich und unvergleichlich gut macht: Die Ehrlichkeit und die Wortwahl zeigen einen jungen Mann, der für das Theater brennt und aus seiner Leidenschaft keinen Hehl macht. Er muss sich stark von den anderen Jung-Mimen unterschieden haben, nicht nur wegen seiner Statur und seines mediterranen Charmes. Beim Vorsprechen auf der Schauspielschule urteilte einer der Juroren: „Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Kraft und Naivität.“ Vermutlich gehörte auch der unbedingte Wille dazu, sein Glück auf der Bühne zu finden. Entgegen aller Verbote sah er heimlich bei den Proben an den Münchener Kammerspielen zu, wenn die berühmten Kollegen mit dem nicht minder berühmten Regisseur Hans Schweikart arbeiteten. Und beinahe 70 Jahre später schlängelt sich Mario Adorf mit sichtlichem Vergnügen noch einmal durch die Sitzreihen und duckt sich hinter der Balustrade.
 
Der schauspielerische Durchbruch gelingt ihm mit „Nachts wenn der Teufel kam“ (1957) unter der Regie von Robert Siodmak. Als Serienmörder ist Mario Adorf damit in Deutschland zunächst einmal auf Schurkenrollen festgelegt. Er spielt Santer, den Mörder von Nscho Tschi, Winnetous Schwester, was ihm viele Fans bis heute übelnehmen. Hollywood ruft, Mario Adorf spielt mit Senta Berger in „Major Dundee“ („Sierra Charriba“) und wird zum Dauer-Mexikaner. Dominik Wessely zeigt ihn dazu im Gespräch mit Senta Berger – eine anekdotenreiche Begegnung der beiden Stars mit ein paar unerwarteten Enthüllungen. Ab Mitte der 60er Jahre lebt Mario Adorf in Rom. Dort dreht er unzählige Filme. Meist muss er seine Stunts selbst machen, weil es keinen Stuntman mit seiner Statur gibt. Er spielt häufig im Neuen deutschen Film, wird zum Fernsehliebling und profiliert sich immer stärker als Charakterdarsteller. Unvergesslich sein Auftritt in „Kir Royal“ als schwerreicher Fabrikant („Ich mach in Kleber.“) oder als „Der große Bellheim“.
 
Dominik Wesselys Filmbiographie ist klug durchdacht und geschickt montiert. Sie konzentriert sich vor allem auf die frühen Jahre, auf die Zeit in Rom und Hollywood, weniger auf die erfolgreichen Fernsehjahre in Deutschland, wobei hierzu eine Reihe von Clips mit hohem Wiedererkennungswert gezeigt werden. Die Dokumentation zeigt neben Filmszenen Gespräche, die scheinbar beiläufig, aber zuverlässig passgenau eingefügt sind. Dazu gibt es Fotomaterial und einige atmosphärisch starke Bilder aus der Gegenwart – Mario Adorf still vergnügt durch ein Rapsfeld laufend oder in den alten Filmstudios bei München. Mal nachdenklich, mal witzig, oft anrührend, manchmal geradezu übermütig: In seinem typischen, liebenswert rabaukigen Tonfall erzählt Mario Adorf aus seinem Schauspielerleben, streift hier und da Privates und bleibt dabei immer er selbst: eine große Persönlichkeit.
 
Gaby Sikorski