Familia sumergida – Die untergegangene Familie

Kino aus Argentinien: Nach einem unterwarteten Trauerfall ändert sich für Marcela alles. Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen erscheinen ihr brüchig und fremd. Und ihr eigenes Leben sieht sie zunehmend kritischer. Unerwartete Sichtweisen eröffnen ihr indes die Gespräche mit Verwandten aus einer anderen Dimension. Das surreale, dem magischen Realismus verpflichtete Drama „Familia Sumergida“ zeigt eine Frau bei der Verarbeitung eines persönlichen Traumas. Das assoziative, kammerspielartige Werk ist nicht immer leicht zu durchschauen, überzeugt aber durch das nachdrückliche Spiel der Hauptdarstellerin.

Webseite: cineglobal

Argentinien/Brasilien/Deutschland/Norwegen 2018
Regie: Maria Alché
Drehbuch: Maria Alché
Darsteller: Mercedes Morán, Marcelo Subiotto,
Esteban Bigliardi, Diego Vélazquez
Länge: 91 Minuten
Kinostart: 12. September 2019
Verleih:  Cine Global
 

FILMKRITIK:

Als Rina stirbt, ist für ihre Schwester Marcela (Mercedes Morán) nichts mehr wie zuvor. Bislang hatte die verheiratete Mutter dreier Kinder ihr Leben gut im Griff, doch dieser Todesfall ändert alles. Sie zieht sich zunehmend in ihre eigene Welt zurück und taucht in längst vergessen geglaubte Erinnerungen ab, als sie die Wohnung ihrer Schwester in Buenos Aires auflöst. Kleidung, Möbel, Pflanzen, Fotos und alte Briefe – überall stößt Marcela auf persönliche Gegenstände, die sie in die Vergangenheit zurückversetzen. Vergangenes und Gegenwärtiges verschwimmen. Doch damit nicht genug. Marcelas Gefühlswelt steht eines Tages Kopf, als sie Nacho (Esteban Bigliardi) kennenlernt. Auch der Bekannte ihrer Tochter lebt in einer Art Schwebezustand. Langsam nähern sich die Beiden an.

Die aus Buenos Aires stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Alché konnte mit Mercedes Morán eine der populärsten Schauspielerinnen ihrer Heimat verpflichten. Seit fast 20 Jahren spielt sie in erfolgreichen TV- und Kinofilmen, zuvor sah man sie vor allem in Fernsehserien. Alché, die in der argentinischen Hauptstadt Regie studierte, ist daneben als Fotografin und Autorin tätig. „Familia Sumergida“, der im vergangenen Jahr auf dem Filmfest Locarno debütierte, ist Alches Langfilmdebüt.
Mit „Familia Sumergida“ verbeugt sich die 35-Jährige vor dem magischen Realismus vieler lateinamerikanischer Filme der 80er- und 90er-Jahre (z. B. „Ein sehr alter Mann mit großen Flügeln“, „Die Reise“). Es geht um das „phantastische Wirkliche“. Also um die unmittelbare Verschmelzung von übernatürlichen und realistischen Elementen zu mystischen Geschichten, die die menschliche Vorstellungskraft sprengen. Der surrealistische Anteil zeigt sich hier unter anderem in jenen Szenen, in denen Marcela auf die „Geister der Vergangenheit“ trifft. Sie gehören zu den stärksten Momenten voller Atmosphäre und subtiler Spannung.

Wenn die die Hauptfigur plötzlich am Tisch mit der Tante, dem Onkel  oder der Oma sitzt, alle vor Jahren verstorben, dann hat das etwas Unheil- und zutiefst Geheimnisvolles. Zumal Alché dies mit einer geradezu verstörenden Beiläufigkeit inszeniert. Und sie geht sogar noch einen Schritt weiter. Denn sie vermengt diese Phantasmen auf organische Weise mit den „realistischen“ Anteilen. Heißt: Die Szenen aus der „Geisterwelt“ und der in der Gegenwart verorteten Filmhandlung gestaltet sie ohne klaren Übergang, ohne deutliche Abgrenzung.

Das ist auf der einen Seite sehr kunstvoll und – im wahrsten Sinne – geistreich, fordert den Betrachter allerdings auch heraus und verlangt von ihm ein aufmerksames, konzentriertes Hinsehen. Dies ist nicht zuletzt dem visuellen Aspekt geschuldet. Denn viele Szenen spielen sich im Halbdunkel der nur sehr spärlich ausgeleuchteten Wohnung ab. Kein Wunder, legt Alché doch großen Wert auf natürlichen Lichteinfall. Die schwach illuminierte, trübe Szenerie passt in gewisser Weise aber zum Uneindeutigen und Rätselhaften der Geschehnisse.

Außerdem ist Alché der Musikeinsatz sehr wichtig. Manchmal jedoch zu wichtig: Hier und da ist die musikalische Untermalung einzelner Szenen zu dominant und lenkt von der Handlung bzw. den Bildern auf der Leinwand ab. Geduldig und einfühlsam fängt sie hingegen die zarte Liebesbeziehung zwischen Marcela und Nacho sowie das vielschichtige Emotionsleben ihrer unbeugsamen, bestimmt auftretenden Protagonistin ein. Diese wird von Mercedes Morán mit roher Präsenz und beachtlicher Ausdruckskraft dargestellt.

Björn Schneider