Forever and a Day

Für ihren Film hat Katja von Garnier („Bandits“) die deutsche Rockband The Scorpions auf ihrer lange geplanten Abschiedstournee begleitet. Aus Archivmaterial, Interviews, Konzertmitschnitten und Reiseeindrücken entstand eine ungewöhnliche Dokumentation, die von Musik und Leidenschaft berichtet, aber auch von Freundschaft und vom Zusammenhalt in schweren Zeiten. Aber Achtung, Rockfans: Dies ist alles andere als ein übliches Bandporträt! Kein einziger der großen Erfolgssongs wird ausgespielt. Dass der Funke nicht so recht überspringen will, liegt sicherlich eher an diesem Konzept als an den Bandmitgliedern, die sympathisch und offen über sich erzählen.

Webseite: scorpions-derfilm.3rosen.com

Deutschland 2015 – Dokumentarfilm
Regie: Katja von Garnier
100 Minuten
Verleih: Tempest Film
Kinostart: 26.03.2015
 

FILMKRITIK:

Seit 1965 gibt es die Scorpions – mehr als ein halbes Leben arbeiten Rudolf Schenker und Klaus Meine zusammen: Rudolf Schenker, Gitarrero und Komponist, und Klaus Meine, das quirlige Energiebündel mit dem glasklaren Tenor, der die Texte für die meisten Scorpions-Songs schrieb. Ihr Motto war von Anfang an: „Wir spielen überall, wo es eine Steckdose gibt.“ Der Lead-Gitarrist Matthias Jabs ist seit 1980 dabei, James Kottak am Schlagzeug seit Anfang der 90er Jahre. Auch wenn die Herrn Musiker nicht mehr ganz jung sind, ist ihr Enthusiasmus ebenso präsent wie ihre Hingabe an ihre Kunst. Und diese Vollblutmusiker wollen wirklich aufhören?
 
Zu Beginn des Films sieht es ganz danach aus: Die Abschiedstournee ist geplant und soll 18 Monate lang rund um den Globus führen. Katja von Garnier und ihr Filmteam sind von Anfang an dabei. Alles wird festgehalten, die Konzertszenerien ebenso wie die Tour-Routine: die ewig gleichen Flughäfen, die Limousinen, die Städte, Stadien und Hallen: der Madison Square Garden ist dabei – und schon geht’s wieder weiter. Mittendrin die Scorpions, hoch professionell und immer noch fit wie die Turnschuhe. Während mit vielen alten Originalbildern die Bandgeschichte erzählt wird, bereiten sie sich auf ihre Auftritte vor, erzählen von sich in Interviews und wirken dabei gelegentlich sogar ziemlich abgeklärt. Doch kurz bevor sie auf die Bühne gehen, passiert etwas Merkwürdiges, Faszinierendes mit ihnen: Aus den älteren Herren werden wieder übermütige Jungs, die ihre Bühne entern wie 18-Jährige Kids, die zum ersten Mal beim Bandwettbewerb antreten. Die Verbundenheit in der Gruppe wird dabei ebenso deutlich wie die Liebe zu ihrem Beruf.

Die Bandgeschichte geht weiter, berühmte Fans kommen zu Wort: Gorbatschow, Klitschko, Gottfried Helnwein, es geht um große Momente, um Anerkennung und Ruhm – die Jungs wirken trotz allem vernünftig und geerdet. Und sie sind sehr sympathisch, diese Freunde, die ihre Musik aus der deutschen Provinz in die Welt geführt hat. Im Interview ist Klaus Meine sehr ruhig, beinahe abgeklärt und oft nachdenklich, doch sobald er zu singen beginnt, wirkt er, als würde er auf der Bühne erst so richtig aufleben. Bei Rudolf Schenker ist es ähnlich. Der Glamour zählt nicht, es ist die Musik, die sie alle jung hält, und das Adrenalin, das sie antreibt.
 
Diese Veränderungen zu beobachten, zu sehen, was die Kunst und die Liebe zur Musik aus diesen Vollblutmusikern macht, ist ebenso spannend wie die persönlichen Momente des Films oder die Szenen, in denen sich gestern und heute über die Musik finden und miteinander verschmelzen. Dass die großen Erfolge der Band niemals ausgespielt werden, scheint Teil des Konzepts zu sein, keinen Musik-, sondern einen Musikerfilm zu machen, ist aber trotzdem schade. Katja von Garnier zeigt das Leben auf und hinter der Bühne. Sie hält die Stimmungen fest, die Höhepunkte wie die Krisen. Auch die haben sie bisher immer gemeinsam bewältigt: Klaus Meine, der Sänger und Texter, und Rudolf Schenker, der Gitarrist und Komponist – sie bilden eine kongeniale, kreative Einheit. Ihre Freundschaft steht im Mittelpunkt dieses Films, der eigentlich keinen Höhepunkt hat, an dessen Ende aber glücklicherweise klar ist, dass die Band weitermachen wird. Das ist dann nicht mehr sehr überraschend und eine echte Erleichterung, auch für das Publikum. Man müsste sich sonst Sorgen machen um die Jungs. „Solange Klaus Meine seine Stimme hat, wird er singen“, sagt Gottfried Helnwein. Gut so.
 
Gaby Sikorski