Free Speech Fear Free

Das Recht auf freie Meinungsäußerung zählt zu den elementaren Grundrechten einer Demokratie, welches gerade in Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit große Bedeutung hat. Auf diese Aussage kann man sich leicht einigen, viel mehr hat Tarquin Ramsey in seiner Dokumentation „Free Speech Fear Free“ dem an sich hoch spannenden Thema bedauerlicherweise auch nicht hinzuzufügen.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dokumentation
Großbritannien 2016
Regie: Tarquin Ramsey
Länge: 80 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 1. Juni 2017

FILMKRITIK:

Mit 15 Jahren begann der Engländer Tarquin Ramsey an dem zu arbeiten, was Jahre später die Dokumentation „Free Speech Fear Free“ wurde. Schon dieser umständliche, überdeterminierte Titel deutet an, dass es Ramsey um das große Ganze geht, um Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, um Grundrechte und deren Einschränkung, um Whistleblower und Geheimdienste, die mit immer umfassenderen Methoden die Kommunikation überwachen.
 
Fast die gesamte zweite Hälfte seines Films verwendet Ramsey darauf, sich mit den Überwachungsmethoden der Geheimdienste zu beschäftigen, lässt Aktivisten und Whistleblower zu Wort kommen, die ausführlich beschreiben, dass heutzutage kein Aspekt der immer umfangreicheren Kommunikation nicht überwacht werden kann. Das ist fraglos ein wichtiges Thema, doch der Bezug zur Meinungsfreiheit bleibt vage.
 
Oft wirkt Ramseys Film wie ein überbordendes, zwar ambitioniertes, aber auch unstrukturiertes Projekt, scheint Ramsey eher davon geleitet zu sein, welche bekannten Persönlichkeiten er vor die Kamera holen konnte, als von einer klaren Idee. Julian Assange taucht da etwa auf, der Wikileaks-Mitbegründer, der seit Jahren in der Botschaft Ecuadors in London lebt, wo er einer Anklage wegen Sexualdelikten zu entgehen sucht. In Assanges Augen ist dieses Zwangsexil allerdings dem Versuch der amerikanischen Geheimdienste geschuldet, die ihn mundtot machen wollen. Vehement setzt sich Assange für die Meinungsfreiheit ein, die er mit Wikileaks ins Extrem geführt hat: Praktisch unzensiert werden alle möglichen Daten veröffentlicht, oft ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen, so sehen es zumindest Kritiker.
 
Zu denen zählt allerdings nicht Ramsey, der nicht nur hier die Möglichkeit einer kritischen Fragestellung zu Wohl oder Wehe unbeschränkter Meinungsfreiheit verstreichen lässt. Ähnlich wie beim Hacker und Aktivisten Jacob Appelbaum, der sich seit einigen Monaten ebenso wie Assange den Vorwürfen sexueller Übergriffe ausgesetzt sieht – die anonym im Internet veröffentlicht wurden. Ebenfalls eine Form von freier Meinungsäußerung?
 
Doch auch hier verzichtet Ramsey darauf, tiefer in seine Materie einzudringen, bleibt an der Oberfläche, beschränkt sich auf die immer wieder wiederholte Betonung der Bedeutung von Meinungsfreiheit, gerade auch in repressiven Gesellschaften. Auch das natürlich ein wichtiges, zeitgemäßes Thema, das bei Ramsey ausschließlich mit Bildern aus Weißrussland bebildert ist. Warum gerade dieser Fall eines Diktators, der mit brutalen Methoden anders denkende unterdrückt, gezeigt wird, erklärt sich bald: Der Schauspieler Jude Law unterstützt eine freie Theatergruppe in Weißrussland und ziert Ramsey Film mit seiner Anwesenheit.
 
Welche unterschiedlichen Persönlichkeiten Ramsey in seiner in Eigenregie produzierten Dokumentation vor die Kamera bekam, die er in jahrelanger Arbeit fertig stellte, ist fraglos aller Ehren wert. Das kann jedoch nicht überdecken, dass Ramsey dem ebenso wichtigen, wie vielschichtigen Thema kaum gerecht wird und letztlich wenig Substanzielles zum Thema Meinungsfreiheit zu sagen hat.
 
Michael Meyns