Fucking Berlin

Berlin ist Hip. Seit Jahren erfreut sich die deutsche Haupstadt enormer Beliebtheit, sie gilt als Partyhochburg und Anziehungspunkt junger Menschen aus aller Welt. Zunehmend beschwören auch Filme diesen Mythos Berlin, so auch Florian Gottschicks „Fucking Berlin“, der auf dem vorgeblich autobiographischen Roman einer jungen Frau basiert, die als "unbescholtenes" Mädchen nach Berlin kommt und zur Prostituierten wird. Ob das ein authentisches Bild des neuen Berlins ist, darf man getrost bezweifeln.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland 2016
Regie: Florian Gottschick
Buch: Florian Gottschick, Sophie Luise Bauer, nach dem Roman von Sonia Rossi
Darsteller: Svenja Jung, Mateusz Dopierski, Christoph Letkowski, Paul Boche, Janina Agnes Schröder, Rudolf Martin,
Länge: 100 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 8. September 2016
 

FILMKRITIK:

Mit Anfang 20 kommt Sonja (Svenja Jung) nach Berlin, um Mathe zu studieren. Doch statt in Hörsälen zu büffeln, verliert sie sich schnell im Berliner Nachtleben, lebt unbeschwert und frei, hat wechselnde Liebhaber, trinkt, nimmt Drogen und lernt bald Ladja (Mateusz Dopieralski) kennen, einen jungen Rumtreiber, der bald bei ihr einzieht. Es scheint die große Liebe zu sein, doch das wilde Leben hat seinen Preis: Bald hat das Paar kein Geld mehr, von Ladja ist nichts zu erwarten und so nimmt Sonja das Geldverdienen selbst in die Hand: In einer schmierigen Laube arbeitet sie für einen schmierigen Typen und zieht sich vor der Kamera aus. Camsex ist der erste Schritt, der Sonja bald tiefer in das Milieu zieht: Um mehr Geld zu verdienen, beginnt sie als Prostituierte zu arbeiten, ein Job, der ihr viel Freude bereitet und sich bemerkenswert problemlos mit ihrem Studium verknüpfen lässt. Auch als ihr Professor als Kunde vor ihr steht verliert Sonja nicht die Contenance, denn mit Perücke und viel Schminke ist sie nicht mehr Sonja, sondern die Prostituierte Mascha.

2008 erschien der Roman „Fucking Berlin“, der vorgab, die wahren Erlebnisse einer jungen Italienerin zu erzählen, die unter dem Pseudonym Sonia Rossi beschrieb, was ihr Anfang der Nuller Jahre in Berlin passiert ist. Schon damals wurden Zweifel am Wahrheitsgehalt des Buches laut, das mit seiner Geschichte vom Abdriften einer unbescholtenen Studentin in zunehmende harte Prostitution doch ein wenig zu sehr nach Kolportage klang. Dennoch, vermutlich eher genau deswegen, wurde der Roman ein Erfolg, zog eine Fortsetzung nach sich und ist nun Vorlage für einen Film, der überdeutlich vom Hype um Berlin profitieren will.

Immer wieder ist vom Beat der Stadt die Rede, von der ach so pulsierenden Metropole, den vielfältigen Möglichkeiten, den Abgründen. Bebildert ist das mit einer Aneinanderreihung von typischen Berlin-Bildern und Motiven: Vom Fernsehturm, über die Oberbaumbrücke, bis zum Mauerpark wird nichts ausgelassen, wird kein Bild vergessen, dass laut Berlin! verkündet. Ähnlich oberflächlich sind die Figuren, die jung, schön und sexy sind und ähnlich glaubwürdig sind, wie das gezeigte Prostituiertenmilieu: Ausgerechnet in einem Billigpuff am Kottbusser Tor – einem notorischen sozialen Brennpunkt der Stadt – verdient Sonja enorm viel Geld und lernt dabei ausschließlich nette, sympathische Freier kennen.

Beim Versuch, die aktuelle In-Stadt Berlin zu zeigen vergisst Florain Gottschick das wichtigste: Glaubwürdige Figuren zu entwickeln, eine interessante Geschichte zu erzählen. Mehr als oberflächliche Klischees aneinanderzureihen gelingt „Fucking Berlin“ nicht, der Versuch, sich mit viel Musik, bunten Bildern und reichlich Sex an den Belin-Hype anzudocken ist vor allem eins: bemüht und unauthentisch.
 
Michael Meyns