ganz gewöhnlicher Jude, Ein

Deutschland 2005
Regie: Oliver Hirschbiegel
Buch: Charles Lewinsky
Darsteller: Ben Becker, Siegfried W. Kernen, Samuel Finzi
90 Minuten
Verleih: NFP/Filmwelt
Start: 19.01.2006

Der Journalist Emanuel Goldfarb wird in den Geschichtsunterricht einer Hamburger Schule eingeladen, um hier über sein Leben als Jude in Deutschland zu sprechen. Die Einladung löst in ihm einen inneren Konflikt mit der Geschichte im Allgemeinen und seiner persönlichen Biografie im Speziellen aus. Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) schuf einen schnörkellosen wie beeindruckenden Kino-Monolog nach dem gleichnamigen Buch von Charles Lewinsky.

Emanuel Goldfarb ist Journalist. Doch weder seine Profession noch die Tatsache, dass er in Hamburg lebt, sind Grund für die schriftliche Einladung, vor einer Schulklasse am Kurt-Tucholsky-Gymnasium zu sprechen. Vielmehr sind es seine Wurzeln, ist es seine Geschichte, die ihm zu einem passenden Anschauungsobjekt für den schulischen Unterricht machen. Denn Emanuel Goldfarb ist Jude und überdies Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft.

Sich seiner Wurzeln sehr bewusst, reagiert Goldfarb äußerst empfindlich auf die Einladung. Überempfindlich sogar, weil die Form des Gesuches von ekelhafter Einfühlsamkeit geprägt ist. Überempfindlich auch, weil es ihm zuwider ist, eine Sonderrolle einzunehmen, weder im Schlechten noch im Guten. Er will nicht vorgeführt werden, wie ein Spitzmaulnashorn aus Afrika, das eben auch schon zu lange gejagt und abgeschossen wurde. Ein ganz gewöhnlicher Mensch will er sein. Ein ganz gewöhnlicher Jude.

Und doch macht Goldfarb an dieser Stelle keinen Bogen um das Thema. Ganz im Gegenteil. Er zwingt sich zum Nachdenken. Die gut gemeinte aber schlecht durchdachte Einladung löst eine sehr persönliche Abrechnung mit dem deutschjüdischen Verhältnis aus. Beim Verfassen der schriftlichen Absage, steigert sich Goldfarb immer mehr in das sensible Thema hinein. Emotional aufgewühlt diktiert er sich selbst, was er den Schülern im Geschichtsunterricht nicht zu erklären vermag. Denn sie und er haben zwar die gleiche Geschichte, aber nicht die gleichen Geschichten.

Nahezu ohne weitere Rahmenhandlung, konzentriert sich der Film auf die Figur des Emanuel Goldfarb, der durch seine Hamburger Wohnung schreitet und in ein Diktiergerät spricht. Nebenbei reduziert sich das Geschehen auf die Zubereitung eines Kaffees, das Öffnen einer Weinflasche und ähnlich Unspektakuläres mehr. Ein minimalistisches Ein-Personen-Stück als intensive Auseinandersetzung mit einem zeitlos brisanten Thema. Kann das so funktionieren? Die klare Antwort heißt: Ja, es kann und es tut es auch! Dank eines intelligenten und tiefgründigen Buches von Charles Lewinsky, sowie einem exzellent aufspielenden Ben Becker, fesselt der Monolog von Anfang bis zum Ende.

Regisseur Oliver Hirschbiegel wagt ein Kino-Experiment, das gerade durch seine schnörkellose Umsetzung funktioniert und auch nur so die gebührende Intensität der Vorlage erreicht. Das ist umso beeindruckender, da sich Hirschbiegel jüngst mit „Der Untergang“ einem verwandten Thema mehr noch durch große Bilder näherte und hierfür mit viel Lob und Anerkennung bedacht wurde. Gemein haben seine letzten Arbeiten jedoch – wie z.B. auch „Das Experiment“ – einen offenkundigen Hang zum Kammerstück. „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ ist kein ganz gewöhnlicher Film. Es ist eine lehrreiche wie packende Biografie eines nach 1945 geborenen Juden und dürfte so auch als optimales Lehrmaterial für die Schulen dienen – allein zum Zwecke der zukünftigen Vermeidung persönlicher Einladungen von Juden in den Unterricht.

Gary Rohweder