Grenzbock

Die Jagd. Früher Essenz der menschlichen Existenz, heute ziemlich in Verruf geraten, warum auch immer, schließlich isst ein Großteil der Bundesbürger Fleisch. Dem Mythos der Jagd spürt der Dokumentarfilmer Hendrik Löbbert in seinem Film "Grenzbock" nach, keine Dokumentation im klassischen Sinn, sondern eher der Versuch, die Jagd und die Jäger zu verstehen.

Webseite: www.grenzbock.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie: Hendrik Löbbert
Länge: 80 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 4. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Allein die Rhetorik mutet archaisch an: "Auf die Jagd gehen", "sich anpirschen", "das Wild erlegen" und wie die Bezeichnungen alle heißen, die im Kern nur das beschreiben, was einst, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, lebensnotwendig war: Tiere töten. Für das Überleben der Menschheit ist die klassische Jagd Mann gegen Wild nicht mehr notwendig, heute wird zum Vergnügen gejagt, aus Spaß, was die Aversion vieler Menschen gegen sie wohl schon erklärt.

Allein deswegen ist es interessant, dass Hendrik Löbbert der Jagd und den Jägern in seinem Film "Grenzbock" völlig vorurteilslos begegnet, dass er nicht versucht, rationale Erklärungen für die Faszination zu liefern, die die Jagd für manche Menschen hat, sondern darum bemüht ist, diese Faszination in Bilder zu fassen. Ganz am Anfang sieht man da etwa, wie ein Jäger mit seinem Hund durch einen brandenburgischen Wald streift, eine kleine Lichtung betritt, alles ist ruhig, in der Ferne hängt noch Nebel, der Jäger blickt in die Ferne, der Hund blickt gespannt zu seinem Herrchen, wie gemalt ist dieses Bild, entfernt fühlt man sich an ein romantisch-archaisches Gemälde von Caspar David Friedrich erinnert.

Doch so romantisch wie hier ist der Wald, die Jagd nicht immer, auch wenn die Jäger immer noch grün tragen – außer sie haben grellbunte Warnwesten an, damit sie sich nicht aus Versehen gegenseitig erschießen. Denn wenn es heute auf die Jagd geht, dann geschieht das in sehr deutscher, sehr organisierter Manier: jedem Jäger wird eine Position zugewiesen, vor allem wird genau festgelegt, was geschossen werden darf. Denn das ist die Jagd heutzutage in erster Linie: Ein Versuch, den Wildbestand in einem bestimmten Gebiet stabil zu halten, um zu verhindern, dass eine Art zu sehr anwächst und andere verdrängt oder in angrenzenden Gebieten, in denen Landwirtschaft betrieben wird, Schaden anrichtet.

Immer wieder schneidet Löbbert solche Aspekte an, zeigt Jäger über Karten gebeugt, bei Versammlungen, auf denen die Grenzen von Jagdgebieten diskutiert werden und lässt einzelne auch direkt zu Wort kommen. Doch ein umfassendes Bild von den Jägern in Deutschland war augenscheinlich nicht die Intention des Films. Schauplatz ist die Region Baruther Urstomtal, in der offenbar vor allem ältere Männer der Jagd nachgehen, nicht viel von der Neu-Ansiedlung des Wolfs halten und auch sonst eher unnahbar erscheinen.

Was allerdings auch an Löbberts Ansatz liegt, dem es nicht um dokumentarische Fakten geht, sondern um den Mythos Jagd. Bisweilen verliert er sich dabei in seinen evokativen Bildern, dem Versuch, eine ungefähre Stimmung einzufangen. Etwas mehr Bodenhaftung hätte man sich bisweilen gewünscht, eine stärkere Linie, die die eindrucksvollen Momente zu einem größeren Ganzen verbunden hätte. Die Jagd wird wohl in Deutschland kontrovers bleiben, einen kleinen Eindruck, warum sie manche Menschen trotz allem so fasziniert, liefert Hendrik Löbberts "Grenzbock".
 
Michael Meyns