Grenzverkehr

Deutschland 2005
Buch/Regie: Stefan Betz
90 Minuten
mit Andreas Butscheck, Ferdinand Schmidt-Modrow, Joseph M´Barak
Filmverleih: Movienet
Kinostart: 18.8.2005

In „Grenzverkehr“ fahren drei Jungs aus der bayerischen Provinz über die tschechische Grenze, um dort endlich die Grenze zum Mannsein zu überschreiten. Das Spielfilmdebüt des jungen Niederbayern Stefan Betz bewegt sich fern der Klischees schlüpfriger Teenie-Klamotten – eine reife Pubertätskomödie!

Mit glasigen Augen hocken die drei Kumpels am Tresen. „Fünf vor zwölf“ ruft der Barkeeper ihnen zu – für Wong, Schilcher und Hunter, die sechzehnjährigen Buben, ist es nicht nur die letzte Chance, ein Weizenbier zu bestellen, sondern auch höchste Zeit, endlich ihr „erstes Mal“ hinter sich zu bringen. Aber wie? Die Mädels im Ort stehen nur auf ältere Jungs, und dass Tanten und Cousinen die Initiation des männlichen Familiennachwuchses übernehmen, ist nicht mal mehr auf dem Land üblich. Also bleibt nur eins: Sextourismus. In Tschechien gibt es jede Menge billige Bordelle, das weiß auch der örtliche Schützenverein zu schätzen, also setzen sich die drei aufs Moped und brausen los. Angekommen im „Tempel of Love“, einem kleinen Puff, mit abgeblätterter Fassade, landen sie jedoch schnell auf dem Boden der Tatsachen. Statt dionysischer Freuden erleben die Freunde eine Katastrophe. Ohne Mopeds und Geld stehen sie mitten in der Fremde – und die Einzige, die sie retten kann, ist ein hochschwangeres Mädchen aus der Ukraine, das auch den Weg über die Grenze sucht – allerdings in die andere Richtung.

Triebgesteuerte Jungs gehören häufig zum Personal platter Lustspiele für Teenager. Stefan Betz macht sie dagegen zu Helden einer höchst charmanten Coming-of-Age-Geschichte. Schon eine der Eingangszenen – die Kumpels versuchen die provinzielle Langeweile zu bekämpfen, in dem sie sich im örtlichen Freibad zum Tischtennis treffen – zeigt den Unterschied. Natürlich folgt die Kamera hier Wongs sehnsüchtigen Blicken hinüber zu den Umkleidekabinen der Mädels, aber im Gegensatz zu Filmen wie „Harte Jungs“  zoomt sie sich nicht heran, bis der Busen das Bild fühlt, sondern bleibt, genau wie die Buben, schüchtern auf Distanz.

„Grenzverkehr“ hat keine plakativen Pointen nötig, weil Stefan Betz aus dem Vollen schöpft: Er weiß aus eigener Erfahrung, wie tragikkomisch das Pubertieren in der niederbayerischen Provinz ist. Wenn die Mutter (Saskia Vester) rätselnd vor ihrem Spross steht, den knappen Tanga betrachtet und fragt: „Für wen ziehst denn des an, für den Franzi oder den René?“, entwickelt der Film eine ungeheuere liebenswerte Komik. Betz hat großes Gespür, Dinge durch Kleinigkeiten zu erzählen: Kurz bevor die Buben zu ihrer Tour starten, kommt Schilchers Mutter noch mit einem Löffel Lebertran angerannt, während Hunters Vater großspurig tönt: „Und halt nicht nur die Ohren steif“ –  Die drei müssen sich befreien, ihren Platz im Leben finden und die Eltern sind dabei nicht wirklich hilfreich.

Während sich der deutsche Großstadtfilm gerade im Neorealismus versucht und dabei häufig etwas hilflos wirkt, ist es jetzt wieder eine geradlinig erzählte Geschichte aus der Provinz, die überzeugt. Mit seiner Komik (die sich auch aus dem Dialekt speist, der aber auch für Nichtbayern absolut verständlich ist) erinnert „Grenzverkehr“ an „Sommersturm“, mit dem Marco Kreuzpaintner im vergangenen Jahr das Publikum begeistert hat, oder auch, wenn man weiter zurückgeht, an die frühen Filme von Detlev Buck. Eine überaus charmante Komödie, die ein großes Publikum verdient – auch jenseits der bayerischen Grenzen.