Grießnockerlaffäre

Skurrile Typen, schwarzer, staubtrockener Humor, niederbayerischer Charme und ein verzwickter Fall. Der vierte bayerische Heimatkrimi nach der Vorlage von Bestsellerautorin Rita Falk entfaltet erneut ein hinreißendes Panoptikum von authentischen Charakteren. Sebastian Bezzel und Simon Schwarz bekommen es als Ermittler-Duo Eberhofer und Birkenberger diesmal mit Mord in den eigenen Reihen zu tun. Währenddessen bandelt Oma Eberhofer mit ihrer alten Jugendliebe an – auf Kosten kulinarischer Vielfalt. Die brillante österreichisch-bayerische Schauspielriege wird diesmal noch durch Nora Waldstätten und dem legendären Theater- und Filmstar Branko Samarovski bereichert. Bestes Kino aus Bayern, das sein Publikum mit Herz und Dialekt erreicht.

Webseite: www.facebook.com/Griessnockerlaffaere

Deutschland 2016
Regie: Ed Herzog
Darsteller: Simon Schwarz, Francis Fulton-Smith, Sebastian Bezzel, Lisa Maria Potthoff, Nora Waldstätten, Franziska Singer, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Frederic Linkemann, Thomas Kress, Gerhard Wittmann, Branko Samarovski, Lilith Stangenberg, Franziska Singer, Thomas Kügel
Länge: 98 Minuten
Verleih: Constantin Filmverleih
Kinostart: 3.8.2017

FILMKRITIK:

„Franz Eberhofer, sie san vorläufig festgnomma“, hört der niederbayerische, strafversetzte Provinzpolizist Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) nach einer durchzechten Hochzeitsfeier  seines Kollegen. Tatsächlich weckt den Restalkoholisierten nach seinem Fetzenrausch ein schwer bewaffnetes SEK-Kommando. Einer von ihnen hält ihm einen Haftbefehl unter die Nase. Auch die tapfere Oma (Enzi Fuchs), die gleich mit dem Besen zur Stelle ist, kann die Eindringlinge nicht vertreiben. Jetzt wird’s richtig eng für den Eberhofer. Er gerät selbst unter Mordverdacht. Denn im Rücken seines toten Chefs, des arroganten Kommissar Barschl (Francis Fulton-Smith), sein erklärter Erzfeind, steckt ausgerechneter sein Hirschfänger mit  eingravierten Namen.
 
Dass es daheim auf dem Hof seit Tagen nur noch Grießnockerlsuppe gibt, weil Omas Gspusi Paul (Branko Samarovski) nichts anderes beißen kann, macht die Sache nicht besser. Zum Glück hilft ihm sein alter Hippie-Vater (Eisi Gulp), der in Parka und Latzhose demonstrativ die späten Siebziger verkörpert, mit einem Alibi aus. Aber die unerbittliche Staatsanwältin Thin Lizzy (Nora Waldstätten) ist ihm trotzdem auf den Fersen. Denn er gilt nach wie vor als Hauptverdächtiger. „Glauben Sie das LKA ist auf da Brennsupp’n dahergschwoama“, macht sie ihm unmissverständlich klar. Da gibt´s nur eins: Sein alter Spezl und ehemaliger Kollege Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) muss ihm beim Ermitteln helfen. Denn schließlich ist der Eberhofer mehr ein bayrischer Sheriff, der nach seinen eigenen Vorstellungen handelt, als ein braver Polizist.
 
Die derzeit erfolgreichste Bayernfilmreihe enttäuscht auch diesmal keine Sekunde. Das Lakonische und die Fähigkeit zur skurrilen Verdichtung beherrschen freilich nur wenige. Doch Regisseur Ed Herzog, weiß als gebürtiger Schwarzwälder anscheinend sehr gut wie die Provinz tickt. Für jodelselig klischeehafte Bayerntümelei hat der Fan von Gerhard Polt und Karl Valentin Gott sei Dank nichts übrig. Der gebürtige Garmischer Sebastian Bezzel, als stets etwas launischer Anti-Held,  ist dabei zwar nach wie vor der unbestrittene Sympathieträger des herrlichen Kultfilms.
 
Doch absolut berührend sorgt der österreichische Theater- und Filmstar Branko Samarovski, legendär durch seine bizarre Darstellung in David Schalkos „Braunschlag“, zusammen mit Volksschauspielerin Enzi Fuchs, als neuverliebtes Seniorenpaar, für melancholische Momente im urigen Niederkaltenkirchen. Am Ende des verzwickten Falls gelingt es gar, auf einer für das Genre erstaunlich sensiblen Weise, eine Missbrauchs-Thematik, ohne dramaturgische Effekthascherei, aufzugreifen. Dabei zieht die Inszenierung keine ihrer Frauenfiguren, weder die Polizistenwitwe Ivana Barschl und russische Ex-Prostituierte (Lilith Stangenberg), noch die bigotte  ins Lächerliche.
 
Ein Höhepunkt, freilich wie immer, die besonderen bayerischen Wirtshausszenen beim Wolfi (Max Schmidt) im Pub. Denn als Typenkomödie darf die Geschichte Eberhofers bewährte Freunde nicht aus den Augen verlieren. Diesmal enden sie damit, dass der Franz seine berauschten Freunde nachts zur Musik von „Whisky in the jar“  im Blumentrog durch den Kreisverkehr schleift. Die Rockversion dieses irischen Volkslieds der Band „Thin Lizzy“ passt wie die Faust aufs Auge. Sie ist mehr als nur lässiger Hinweis auf den Namen der Staatsanwältin.
 
Schließlich ist der keltische Song nicht von ungefähr ein Symbol des Aufbegehrens gegen die Obrigkeit. Und da befindet sich der unkontrollierbare Eberhofer im Freistaat in bester Gesellschaft, angefangen von Volkshelden wie den Wildschütz Jennerwein bis hin zum Räuberrebellen Mathias Kneissl. Denn das unbequem anarchisch, widerspenstige Querdenken ist der bayerischen Volksseele, ob in Ober- oder Niederbayern, durchaus vertraut. Dass es offiziell nicht immer zum Zug kommt ist wieder eine andere Geschichte, die der sperrige Filmregisseur Herbert Achternbusch einst mit dem Zitat: „In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle CSU“ umschrieb.
 
Luitgard Koch