große Reise, Die

Le grand voyage
Frankreich / Marokko 2004
Regie: Ismael Ferroukhi
Drehbuch: Ismael Ferroukhi
Kamera: Katell Djian
Schnitt: Tina Baz
Darsteller: Nicolas Cazalé, Mohamed Majd, Jacky Nercessian, Ghina Ognianova, Atik Mohamed
108 Minuten
Verleih: Arsenal
Start: 24.November 2005
www.arsenalfilm.de

Ausgesprochen populär ist der Islam bei uns bekanntlich nicht gerade. Im Dickicht von Vorurteilen und fanatischem Fundamentalismus setzt Erstlingsregisseur Ismael Ferroukhi ein bisschen auf das bewährte „Feuerzangenbowle“-Rezept: „Wat is’ ne Moslem? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Moslem ‚iss ne große, runde, schwarze Raum…“. Um Klamauk-Bedenken oder befürchtetes Gutmenschen-Getue gleich auszuräumen: Der Film präsentiert ganz einfach einen einfachen Menschen, der sich auf eine Pilgerreise nach Mekka begibt. Dass sein handysüchtiger Sohn und Begleiter nicht viel von der Religion des traditionsbewussten Alten hält, sorgt für das dialektische Salz in der dramaturgischen Suppe. Neben Religions- und Kulturkonflikten, sind bei diesem Trip auch diverse Gräben zwischen den Generationen zu überwinden. Immerhin haben Vater und Sohn dazu gut 5000 Kilometer lang Zeit – und die Zuschauer 108 Minuten ein Vergnügen der erkenntnisreichen Art. Wahrhaftig und berührend gleichermaßen: Ein kleines, ganz großes Programmkinojuwel!

Die Story ist ziemlich schlicht. Und denkbar ergreifend. Auf einer abenteuerlichen Pilgerreise im Auto von Frankreich nach Mekka kommen sich ein Vater und sein Sohn allmählich näher, überwinden (mehr oder weniger) Generations- und Kulturkonflikte. Klingt banal, wirkt jedoch packender als so manch geschmacksverstärkt schickes roadmovie quer durch Amerika. Ausgerechnet kurz vor dem Abitur, zudem heftig verliebt, soll Réda, Sohn marokkanischer Einwanderer, seinen Vater nach Mekka kutschieren. Am liebsten wäre der traditionsbewusste Alte zu Fuß oder per Pferdewagen unterwegs. Ein bequemes Flugzeug kommt für den gläubigen Pilger auf gar keinen Fall in Frage. Bleibt also nur der betagte, hellblaue Kleinwagen für die 5000 Kilometer lange Tour über Italien, den Balken und die Türkei bis nach Saudi-Arabien. Kurz vor Sofia erfriert der Vater fast in den frostigen Temperaturen, an der türkischen Grenze gefährden bürokratische Zöllner die Tour. Erst die spontane Hilfsbereitschaft eines anderen Reisenden löst die Pass-Probleme. Prompt lädt dieser sich gleich selbst als Mitfahrer ein. Und nach einer durchzechten Nacht mit dem Sohn fehlt plötzlich die Reisekasse. Wacker tauscht Vater auf der weiteren Fahrt seine Kamera gegen ein Schaf ein, aber vor dem Schlachten läuft das Vieh dem hungrigen Sohn davon – als gäbe es nicht schon genügend Anlässe für allerlei Streitigkeiten. Doch bei allem Zank, bei allen Unterschieden kommen die beiden ungleichen Reisenden sich, nicht zuletzt dank absurder Mitreisender, immer näher – der Weg ist schließlich das Ziel.

Gekonnt wechselt das Werk zwischen kleinem Kammerspiel im klapprigen Peugeot und prächtigen Landschaftsbildern quer durch Europa. Die Chemie zwischen den zwei leinwandpräsenten Helden überzeugt vom ersten Moment, auch mit wenigen Worten und reichlich Schweigen können diese beiden enorm viel ausdrücken. Ob der Alte seinen betrunkenen Sohn beim sündigen Flirt ertappt. Oder der Junge seinen sturen Vater mit der Frage irritiert, ob das Verzeihen nicht zum elementaren Kern seines Glauben gehöre. Diese fast schon zärtliche Darstellung von Konflikten ist symptomatisch für ein Drama, dessen ungleiche, gut ausbalancierten Figuren bei allen Schwächen nie unsympathisch wirken, ganz im Gegenteil. Als Höhepunkt der Reise folgt schließlich die Ankunft in Mekka. Solch faszinierende Bilder des religiösen Gewusels waren auf der Leinwand so noch nie zu sehen. Zum ersten Mal durfte das wichtigste Heiligtum des Islam als Kulisse für einen Spielfilm dienen – nicht die einzige erstaunliche Leistung für einen Erstlingsregisseur. Ein rundum starker, absolut lohnender Kino-Trip: Erfrischend ehrlich. Betont bescheiden. Schlicht und ergreifend.

Dieter Oßwald