große Stille, Die

D 2005
Dokumentarfilm
R+B+K: Philip Gröning
Verleih: X-Verleih
L: 162 Min.

Nahe den Wolken, in der großartigen Einsamkeit des französischen Alpenmassivs liegt „La Grande Chartreuse“, das Mutterkloster jenes römisch-katholischen Ordens, der seine Mitglieder weitestgehend zum Schweigen und zur weltlichen Abkehr verpflichtet. Das Ziel der Kartäuser ist die Kontemplation, die geistige Versenkung in das Wort Gottes. Philip Gröning höchst kontemplativer Film ist über weite Strecken ein faszinierendes Erlebnis, eine Meditation, die aber auch viele Fragen offen lässt und innerhalb von fast drei gleichförmigen Stunden viel Geduld fordert.

„Wie geht das, einen Film zu machen, der selber Kloster wird? Ich weiß nur, dass auf einmal dieser Film Gestalt annahm, Kloster wurde, Raum, nicht Erzählung“, so raunt Philip Gröning aus den Presseunterlagen heraus. Sechs Monate lang integrierte er sich in den Alltag der Grande Chartreuse, nahm teil „an diesem unglaublichen Gleichgewicht zwischen Einsiedlertum und Gemeinschaft“. 12 Jahre musste er auf eine Dreherlaubnis warten, die Dreharbeiten bewerkstelligte er dann ganz allein. In jedem Bild ist seine Faszination und seine Außenseiterposition greifbar. Er vermittelt eine Ahnung, einen Traum vom abgeschiedenen Leben.  Eine eindringliche Gegenwehr auf das laute Rauschen unserer Tage. Oder „ein stilles sanftes Sausen“ wie es eine Texteinblendung aus dem Buch der Könige verrät. Kaum ein Geräusch ist zu hören, gelegentlich das Knarren eines alten Gebetsstuhls, Glockenläuten. Sogar das Fallen der Schneeflocken ist wahrnehmbar. Gröning ließ vier bis acht Tonspuren mitlaufen. Es ist eine Inszenierung der Stille, der Einsamkeit und eines ungewohnten Zeitempfindens. Weiße schwere Kutteln rascheln durch den Kreuzgang, ein kleines Licht durchbricht das Dunkel, Sterne funkeln über der beschneiten Klosteranlage, Gesänge ertönen. Der Kinobesuch wird zum Gottesdienst.

Durch Grönings Kamera erleben wir den Alltag der Mönche, so eintönig, karg und beinhart, so gleichmäßig und geheimnisvoll wie das Leben im Kloster eben auf Fremde wirkt. Mit über zehn Gebets- und Messeterminen pro Tag sind den Glaubensbrüdern – ähnlich den Einhandseglern –  selten mehr als 3 Stunden Schlaf am Stück gegönnt. Kurz vor Mitternacht beginnen die ersten Gebete in der Zelle (mehr dazu unter www.chartreux.org). Die Früchte der Kontemplation sollen Freiheit, Frieden und Freude sein.

Hier erscheint ihr Leben eher als einzige Fron, die Räume gleichen Gefängniszellen. Kamera-Aufnahmen von weit oben lassen die Mönche wie weiße Mäuse im Versuchslabor wirken. Die mal verschwommenen, mal grobkörnigen Bilder, mit HDCAM oder „Super 8“ gefilmt, lassen an eine Übertragung vom Mond denken. Eingeblendete Texttafeln wiederholen Gebetstexte. Sie sollen das stark rhythmisierte Leben spiegeln, ein Gefühl für das ewig Gleiche vermitteln. Gröning zeigt mehr Ritual als Inhalt, seine Nahaufnahmen verlieren sich in den Texturen. In den verwitterten, alten schweren Holzbänken, den grob gewebten weißen Kutten. Mehrmals beobachtet er  offene Gesichter, das Scheren der Köpfe, Details von Stoffen und Knöpfen, Haarstoppeln, uralte Augen und Runzeln.

Wenn er  den Ordensbrüdern so indiskret mit der Kamera auf die nackte Haut rückt, warum ist es dann zu viel verlangt oder zu banal, einen Tagesablauf zu beschreiben?  Oder die Beweggründe eines Novizen? Und wo wird eigentlich der berühmte Kartäuser-Likör hergestellt?

Das „Keuschheitsgelübde“ der dänischen Dogmafilmer erfüllt sich hier doppelt. Der Film könnte den „dogma 95“-Stempel bekommen, falls es den noch gäbe.  Gröning lässt einen lange an seiner Faszination teilhaben, verliert sich aber nach einer Weile darin. „Alles was geschieht, geschieht zum Wohle unserer Seele“, sagt ein blinder Mönch am Ende. Auch hier kein Nachhaken. Es geht mehr um scheue Einblicke als um geistige Inhalte. Antworten und Informationen soll sich der Zuschauer laut Gröning woanders holen, vielen Dank. Dennoch wünscht man seinen meditativen Beobachtungen große Leinwände.

Dorothee Tackmann