Herr der Diebe

Deutschland 2005
Regie: Richard Claus
Drehbuch: Daniel Musgrave, Richard Claus – nach dem Roman von Cornelia Funke
Darsteller: Jim Carter, Caroline Goodall, Rollo Weeks, Aaron Johnson, George Mackay; Jas-per Harris, Alice Connor, Lathaniel Dyer, Carole Boyd, Bob Goody, Robert Bathurst, Alexei Sayle und Vanessa Redgrave
Kamera: David Slama
Schnitt: Peter R. Adam
Musik: Nigel Clarke, Michael Csányi-Willis
Länge: 98 Min.
Verleih Warner Bros. Pictures Germany
Filmstart: 5. Januar 2006

Cornelia Funkes „Herr der Diebe“ ist ein Welterfolg und gehört inzwischen zu den Klassikern der Kinderbuchliteratur. Regisseur Richard Claus versucht mit der jetzt in den deutschen Kinos anlaufenden Verfilmung des Romans an diesen Erfolg anzuknüp-fen, und es gelingt ihm, ein hinreißendes Kinderabenteuer vor der fantastischen Kulisse Venedigs zu inszenieren. Der Film geht sehr behutsam mit der literarischen Vorlage um und  baut mehr auf seine erzählerische Kraft als auf Special Effects und digitale Anima-tionen. Das macht den „Herrn der Diebe“ zu einem filmischen Abenteuer für die ganze Familie, auch für die unter Zehnjährigen.

Cornelia Funkes Kinderbuch „Herr der Diebe“ offenbart seinen Lesern ein wunderbares Phan-tasiereich, in das sich eintauchen lässt und wo man für Stunden und Tage die reale Welt ver-gessen kann. Die Ängste und Sehnsüchte der Kindheit sind der Stoff, aus denen die Handlung gewoben ist: Zwei Brüder, die Mutter und Vater verloren haben, sind auf der Flucht vor herz-losen Pflegeeltern und einem Detektiv, der sie bis in die geheimnisvolle Unterwelt Venedigs verfolgt. Eine Kinderbande, der sie sich anschließen, wird in der Not zu mehr als einem Fami-lienersatz, weil es hier keine Erwachsenen gibt, die zur Ordnung rufen und alle Abenteuer fern halten. Statt dessen ist da der 15-jährige Scipio, den alle bloß den Herrn der Diebe nen-nen, weil er nachts auf Beutezug geht, um für seine Schützlinge zu sorgen. Bis dahin könnten Erich Kästner und sein Kinderbuch „Emil und die Detektive“ Pate gestanden haben, doch als der Herr der Diebe den Auftrag bekommt, die aus Holz geschnitzte Schwinge eines geflügel-ten Löwen zu stehlen, erhält die Geschichte märchenhafte Elemente.

Jetzt kommt die Verfilmung von „Herr der Diebe“ unter der Regie von Richard Claus in die Kinos, und freilich stellt sich hier die Frage, ob es gelungen ist, den Zauber dieser geheimnis-vollen Geschichte auf die große Leinwand zu bringen. Sicher werden nicht alle Fans damit zufrieden sein, weil in den knapp 100 Minuten nur die groben Handlungsstränge mit aufge-nommen werden konnten. Die geraffte Handlung nimmt dem Stoff gelegentlich die Tiefe und macht „Herr der Diebe“ über weite Strecken zur puren Unterhaltung. Dass es gute Unterhal-tung ist, dafür sorgen vor allem die jungen Protagonisten, allen voran Aaron Johnson als Prosper, Jasper Harris in der Rolle des kleinen Bo und Rollo Weeks in der von Scipio. Die Verfilmung ist so quirlig und skurril, so fantasievoll und zugleich unbekümmert, dass die Romanfiguren zu neuem Leben erweckt werden. Wie viel Herzblut in dieser Verfilmung des erfolgreichen Kinderbuches steckt, lässt sich an den liebevoll inszenierten Details ablesen. So werden etwa Venedig und seine verwinkelten Gassen und Kanäle zum einen als düster-geheimnisvolles Märchenland, aber auch als sonnendurchfluteter Ort der Sehnsucht insze-niert, steht doch die Lagunenstadt für das mütterliche Paradies, das es für Bo und Prosper wieder zu finden gilt.

Doch der Film ist nie mit Bedeutungen überfrachtet. Es finden sich lustige wie spannende, aber keine für Kinder unheimlichen Momente. Im Mittelpunkt steht die antiautoritäre Bot-schaft der Literaturvorlage, setzt sich doch die Kinderbande, die in ihrer bunten Mischung eine Andeutung von Multikultur enthält, immer wieder erfolgreich gegen die Borniertheit der meisten Erwachsenen durch. Die Verfilmung kommt nahezu ohne aufwendige Computer-tricks aus, doch da, wo sie sinnvoll sind – etwa bei der Fahrt mit dem geheimnisvollen Karus-sell, das Kinder zu Erwachsenen und Erwachsene zu Kindern macht – wirken sie sehr über-zeugend.

Ralph Winkle