Himmelverbot

Beim Dreh zu seinem vorletzten Film „Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft“ lernte Andrei Schwartz in einem rumänischen Hochsicherheitsgefängnis den damals zu lebenslanger Haft verurteilten Gavriel Hrib kennen. Dieser ist nun Subjekt von „Himmelverbot“, einer vielschichtigen Dokumentation über Resozialisierung, Freundschaft und Lügen.

Webseite: himmelverbot.wfilm.de

Deutschland/Rumänien 2014
Regie, Buch: Andrei Schwartz
Dokumentation
Länge: 87 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 13. August 2015

FILMKRITIK:

Als „lausigen Juden“ soll ihn die Staatsanwältin bezeichnet, ihn ohne triftigen Grund zu sechs Jahren Haft verurteilt haben. Halb im Affekt, halb aus Rache erschoss Gavriel Hrib die Frau deswegen und bekam lebenslänglich. Diese Tat als Reaktion auf eine antisemitische Beleidigung erweckte schon 2002 das Interesse von Andrei Schwartz, der zu diesem Zeitpunkt gerade im berüchtigten rumänischen Hochsicherheitsgefängnis Rahova für einen Film drehte, der 2005 mit dem Titel „Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft“ erschien.
 
Aus der ersten Begegnung zwischen Regisseur und Häftling entwickelte sich im Lauf der Jahre eine Freundschaft, die sicher auch daher rührt, dass Schwartz selbst aus einer rumänisch-jüdischen Familie stammt, in jungen Jahren mit dem Gesetzt in Konflikt geriet, im von der Ceausescu-Diktatur geprägten Rumänien fraglos auch mit Antisemitismus konfrontiert wurde, bevor er schließlich mit seiner Familie nach Deutschland emigrierte. Trotz der brutalen Tat Gavriels gibt es also eine grundsätzliche Sympathie für das Schicksal eines Mannes, der stets außerhalb der Gesellschaft stand und nun, zu Beginn von „Himmelsverbot“, doch noch frei gelassen wird.
 
Nach 21 Jahren wird Gavriel auf Bewährung entlassen, verlässt die geschlossene Gesellschaft der Gefängnisgemeinschaft, in der es zwar äußerst beengt, aber auch bemerkenswert familiär zugeht und steht vor einem ungewissen Schicksal. Dass Verhältnis zu seinen Verwandten ist kompliziert, die Mutter nimmt ihn zwar zu Hause auf, aber die Kommunikation ist schwierig. Im Nachbarzimmer wohnt der Bruder mit seiner Frau, Gavriels eigene Frau lebt längst in Frankreich, kommt zwar für kurze Zeit zurück nach Rumänien, aber ob die Beziehung zu retten ist, steht in den Sternen.
 
Und als wäre all das nicht genug, muss sich Gavriel auch noch in einer Gesellschaft zurecht finden, die sich in den 21 Jahren seiner Haft von einem gerade freien Land, dass noch stark vom Sozialismus geprägt war, in ein kapitalistisches System verwandelt hat. Arbeit zu finden ist für einen ungelernten Ex-Häftling kaum möglich, eine Weile findet Gavriel in Deutschland einen Job, doch als wirkliche Resozialisierung ist dies kaum zu bezeichnen.
 
Über längere Zeit begleitet Schwartz seinen Freund, beobachtet seine Bemühungen, sich in der Freiheit zurechtzufinden, ist dabei aber nie unbeteiligter, neutraler Beobachter, wie das gemeinhin für Dokumentationen üblich ist. Ganz offensiv geht er damit um, dass er Gavriel zwar als Freund betrachtet, hofft, dass dieser wieder einen Platz im Leben findet, dass er aber auch gewisse Zweifel an der Darstellung des Mordhergangs hat. Immer wieder kommt Schwartz im Lauf des Films auf den Tathergang zu sprechen, immer wieder bittet er Gavriel ihm noch einmal und diesmal bitte besonders genau zu schildern, was damals genau passiert ist. Die Zweifel, die er hat, wollen nicht weichen und so beschafft sich Schwartz – mit Gavriels Einwilligung – die Gerichtsakten.
 
Was er dort liest, verändert den Blick auf den Freund, wird jedoch nicht als dramatisches Ereignis stilisiert. Die Lüge, die Gavriel seinem Freund und zuvor seinen Mitgefangenen aufgetischt hat, ist aus seiner Sicht nachvollziehbar und erzählt letztlich noch mehr über die Psyche eines Mannes, der einen Großteil seines Lebens in einem repressiven Regime verbracht hat: Zunächst in einer Diktatur, dann im Gefängnis. Dass dabei die Wahrheit auf der Strecke bleibt, ist wohl kaum zu vermeiden, was nicht die geringste Erkenntnis eines sehenswerten Dokumentarfilms ist.
 
Michael Meyns