Hoffnung

Der perfekt durchorganisierte, sorgenfreie Alltag einer Familie droht nach einer schockierenden Tumor-Diagnose zusammenzubrechen. Kann die Familie, die sich in den Jahren zuvor entfremdet hat, wieder näher zusammenrücken? Was macht die Nachricht mit dem Umfeld und den Beziehungen untereinander? Und wie erkennt man in einer Extremsituation, was im Leben wirklich zählt? All diesen und noch weiteren Fragen widmet sich die norwegische Filmemacherin Maria Sødahl in ihrem schonungslosen, einfühlsam gespielten, allerdings etwa zu langatmig geratenen Familien-Drama.

Website: arsenalfilm.de

Norwegen, Schweden 2019
Regie: Maria Sødahl
Drehbuch: Maria Sødahl
Darsteller: Andrea Braein Hovig, Stellan Skarsgard,
Terje Auli, Giertrud L. Jynge
Länge: 125 Minuten
Kinostart: 26. November 2020
Verleih: Arsenal

FILMKRITIK:

Für Anja (Andrea Bræin Hovig) und ihren zwanzig Jahre älteren Mann Tomas (Stellan Skarsgård) bricht eine Welt zusammen, als man bei der Mittvierzigerin im Rahmen einer MRT-Untersuchung einen Hirntumor diagnostiziert. Plötzlich ist Anja mit Themen wie Tod, Vergänglichkeit und Verlust konfrontiert. Das Tragische: Vor einem Jahr musste sie sich bereits wegen Lungenkrebs in Behandlung begeben. Der Krebs konnte damals erfolgreich therapiert werden. Nun stehen die Beiden aber vor einer doppelten Herausforderung: Sie selbst müssen die tragische Nachricht verarbeiten und sie darüber hinaus den Kindern sowie Freunden schonend beibringen.

Hoffnung – dies ist nicht nur der Titel des neuen Films von Maria Sødahl, die hier ihre eigene Krebserkrankung künstlerisch verarbeitet. Es ist ebenso jene innere Ausrichtung und Sichtweise aller Beteiligten, die ihnen Kraft zum Kämpfen und Weitermachen gibt. Allen voran der von Andrea Bræin Hovig elektrisierend, intensiv gespielten Hauptfigur. Denn Hoffnung besteht in Form einer Operation, der sich Anja am Tag nach Silvester unterziehen muss.

Jener möglicherweise lebensrettende Eingriff bildet den inhaltlichen roten Faden und die dramaturgische Antriebsfeder der skandinavischen Ko-Produktion, die auf dem Toronto Filmfest im Herbst 2019 internationale Premiere feierte. Die Handlung von „Hoffnung“, der zahlreiche dokumentarische Wackelaufnahmen enthält, erstreckt sich lediglich über sieben Tage: von Weihnachten, als Anja die schreckliche Diagnose erhält, bis zur OP an Neujahr. Sødahl macht aus „Hoffnung“ aber weniger ein Krebs- bzw. Krankheits-Drama, auch wenn sie u.a. die Nebenwirkungen der Medikamente sowie Anjas heftige Stimmungsschwankungen thematisiert.
„Hoffnung“ ist letztlich vielmehr ein Familien- und Beziehungs-Drama, das aufzeigt, wie sich eine solche schlimme Diagnose auf das interfamiläre Zusammenleben sowie das Verhältnis aller Beteiligten untereinander auswirkt. Und was es mit der Beziehung zu Tomas macht, die klar im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Stellan Skarsgård agiert stoisch und introvertiert wie gewohnt, aber man nimmt ihm den verzweifelten, niedergeschlagenen Ehemann jederzeit ab. Er harmoniert sehr gut mit Hovig, nicht zuletzt in den ruhigen und intimen Szenen, von denen eine herausragt: Während einer sehr leidenschaftlichen Liebesnacht überschlagen sich die Gefühle, Eindrücke und Empfindungen von Anja – bis diese einen drastischen, auch für den Zuschauer unerwartet einsetzenden emotionalen Anfall erleidet.

Je länger der Film dauert (er ist mit über 120 Minuten etwas zu lang geraten) und je häufiger und intensiver Anja und Tomas miteinander kommunizieren, desto mehr erfährt der Zuschauer über deren Vergangenheit. Und: Über die großen Krisen ihrer (längst erkalteten) Beziehung. In einer Szene hält Anja ihrem Mann vor, dass sie sich für ihn und die Kinder aufgeopfert habe, während dieser erfolgreich Karriere machen konnte. Dann spricht sie ihn auf einen Fremdflirt an, den Tomas mit einer anderen Frau hatte. In all diesen bewegenden, stark gespielten Momenten bricht sich die Enttäuschung, Trauer und natürlich die Todesangst einer Frau Bahn, die jahrelang zurücksteckte und verzichtete.

Doch „Hoffnung“ ist nicht gänzlich frei von Schwächen. Hier und da inszeniert Sødahl zu kalkuliert und abgeklärt. Gerade im Mittelteil sind einige Ereignisse zu vorhersehbar und berechnend, um überraschen zu können. Ganz und gar unvorhersehbar ist das Ende, dem jedoch eine viel zu lange, ausladende und etwas seicht geratene Trauungs-Sequenz vorausgeht, die dem Film in Sachen Gesamtwirkung so kurz vor Schluss keinen Gefallen tut.

Björn Schneider