Intrigo: Samaria

Innerhalb einer Woche erscheinen die letzten beiden Filme aus der „Intrigo“-Reihe, deren erster Teil „Tod eines Autors“ im vergangenen Jahr an den Kinokassen floppte. Ganz nachvollziehen lässt sich das nicht, denn auch mit „Samaria“ liefert „Verdammnis“-Regisseur Daniel Alfredson erneut einen ansehnlichen Krimi ab.

Webseite: www.fox.de/samaria

SWE/USA/GER 2019
Regie: Daniel Alfredson
Darsteller: Phoebe Fox, Andrew Buchan, Millie Brady, Jeff Fahey, Luka Peros, Jack Brett Anderson, Dan Cade, Joe Hurst, Tracy Wiles
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 105 Min.
Start: 10. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Paula Polanski (Phoebe Fox) ist eine aufstrebende Dokumentarfilmerin, die vom Oscar träumt und deren jüngstes Werk erst kürzlich bei Arte zu sehen war. Eines Tages trifft sie durch Zufall auf ihren ehemaligen Aushilfslehrer Henry (Andrew Buchan). Vor zehn Jahren hatte dieser Phoebes Klasse unterrichtet und wurde dabei indirekter Zeuge eines schlimmen Gewaltverbrechens. Die talentierte Schülerin Vera Kall (Millie Brady) war von einem Tag auf den anderen nicht mehr zum Unterricht erschienen. Wenige Wochen später wurde ihr gewalttätiger Vater wegen Mordes verhaftet. Veras Leiche wurde nie gefunden. Paula sieht in dem Fall ein Thema für ihren nächsten Film und bittet Henry, ihr bei der Umsetzung zu helfen. Zunächst ist dieser skeptisch. Doch Paula kann ihn davon überzeugen, dass hinter dem Mordfall Vera Kall mehr steckt als nur eine Familientragödie…
 
Håkan Nesser gehört neben Stig Larsson und Henning Mankell zu den einflussreichsten Autoren Skandinaviens. Viele seiner Romane, vorwiegend Krimiliteratur, erklimmen auch hierzulande regelmäßig die Bestsellerlisten und erfuhren zahlreiche filmische Adaptionen, die als deutsch-schwedische Koproduktionen mehrfach in der ARD ausgestrahlt wurden. Eine Bekanntheit wie sie etwa die „Millennium-Reihe“ erfuhr, haben Nessers mit weitaus geringeren finanziellen Mitteln entstandene Filmadaptionen allerdings nie erreicht. Ende des vergangenen Jahres war man gewillt, das zu ändern. Mit der „Intrigo“-Reihe verfilmte Regisseur Daniel Alfredson, der bereits zwei Filme der schwedischen „Millennium“-Trilogie inszenierte, gleich drei Nesser-Romane auf einen Schlag. „Tod eines Autors“ erschien im November 2018, nun folgen mit „Samaria“ und „In Liebe Agnes“ Teil zwei und drei – und das auch noch in derselben Startwoche im Oktober. Diese Veröffentlichungspolitik erscheint mehr als fragwürdig; ganz so, als wolle man es nur noch schnell hinter sich bringen. Und es passt ja auch: „Tod eines Autors“ erhielt unterdurchschnittliche Kritiken und wurde in Deutschland kaum gesehen; trotz Starbesetzung durch Ben Kingsley und Benno Führmann. Der nun erscheinende „Intrigo: Samaria“ ist allerdings keine direkte Fortsetzung von „Tod eines Autors“, sondern erzählt mithilfe eines völlig neuen Ensembles einen unabhängigen Kriminalfall, der mit „Tod eines Autors“ lediglich gemein hat, dass das titelgebende Restaurant Intrigo auch einmal kurz zu sehen ist.
 
Während man „Intrigo: Tod eines Autors“ immerhin mit einer hochkarätigen Besetzung bewerben konnte, verzichtete Daniel Alfredson für „Samaria“ nun darauf, seinen Film mit Weltstars zu spicken. Andrew Buchan kennt man vornehmlich aus Serien wie „Broadchuch“, „Die Morde des Herrn ABC“ und „The Honourable Women“. Phoebe Fox ist ebenfalls durch ihr Mitwirken an zahlreichen TV-Projekten, vor allem aber als Nebendarstellerin in Filmen wie „Eye in the Sky“ oder „Zwei an einem Tag“ bekannt geworden. Der Verzicht auf große Namen kommt „Samaria“ allerdings zugute, denn wo sich Ben Kingsley in „Tod eines Autors“ noch bemerkenswert gelangweilt gab, spielen die beiden Protagonisten Fox und Buchan hier nun wesentlich engagierter auf. Das müssen sie auch, denn das Skript von Daniel Alfredson und Birgitta Bongenhielm („Die Patchworkfamilie“) meint es mit den Figuren nicht immer so gut, wie man es auf Basis des Romans erwarten würde. Die zweigeteilte Erzählstruktur aus Rückblenden auf das, was vor zehn Jahren geschah, und dem Blick auf die Ermittlungen und Filmarbeiten im Hier und Jetzt können sich zwar auch auf visueller Ebene stimmig ergänzen, bieten letztlich aber nicht mehr als klassische Krimi-Kost, deren Ausgang man sehr schnell durchschaut, wenn man zuvor auch nur irgendeinen Thriller oder Kriminalfilm dieser Art gesehen hat.
 
Es ist also insbesondere die interessante Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren, die „Intrigo: Samaria“ trägt. Denn wie sich Paula und Henry hier permanent belauern, ganz so, als würde jeder von ihnen nur darauf warten, dass der jeweils andere einen Fehler macht, sorgt in dem ansonsten eher spannungsarm inszenierten Film für die richtige Würze. Tatsächlich geht es hier aber auch weniger darum, klassisches Suspensekino zu liefern; lediglich ein Verhör des mutmaßlichen Killers ganz zu Anfang lässt durch seine Inszenierung erahnen, dass es im Folgenden auch wirklich um einen brutalen Kriminalfall gehen wird. Vielmehr als das erinnert „Samaria“ an eine Zeit- und Charakterstudie, die die Beziehung zwischen einem Lehrer und seinen Schülern beleuchtet. Nach und nach verdichten sich schließlich die Hinweise darauf, was sich damals wirklich zugetragen hat. Dass der große Knalleffekt ausbleibt, liegt dann allerdings daran, dass Daniel Alfredson – sowohl als Regisseur als auch als Autor – gar nicht erst verschleiert, dass in „Samaria“ nicht alles so ist, wie es scheint. Die Dialoge sind alles andere als subtil, genauso wie das Schauspiel.
 
Durch seine betonte Berechenbarkeit kann „Intrigo: Samaria“ allerdings auch durchaus Spaß machen. Und zwar über dieselben Faktoren, durch die ein „Tatort“ heutzutage immer noch mehrere Millionen Zuschauer vor den Fernseher zieht. Ob man dafür ins Kino gehen kann, darf zwar zurecht angezweifelt werden – der TV-Look von „Intrigo“ war auch schon im Falle von „Tod eines Autors“ unser größter Kritikpunkt; der zweite Film der Reihe macht es ähnlich, besticht aber durch einige betörend schöne Aufnahmen von Antwerpen. Doch mit seiner entschleunigenden Ruhe und Besonnenheit, fernab von wüster Twist-Reiterei und viel Spektakel, wirkt „Intrigo: Samaria“ gleichzeitig wie aus der Zeit gefallen. Und das darf man dem Film dann doch sehr zugute halten.
 
Ins Kino gehen muss man für „Intrigo: Samaria“ zwar nicht, doch Liebhaber des betagten Krimikinos werden hieran sicher ihren Spaß haben.
 
Antje Wessels