Jena Paradies

Deutschland 2004
R: Marco Mittelstaedt
B: Karen Matting, Marco Mittelstaedt
K: Judith Kaufmann
S: Christian Nauheimer
D: Stefanie Stappenbeck, Luca de Michieli, Bruno F. Apitz, Hans-Jochen Wagner
Verleih: Zauberland Filmverleih/Vertrieb: Neue Visionen
Start: 12.5.2005

"Jena Paradies" verzahnt die Geschichte der alleinerziehenden Mutter Jeanette, ihres zehnjährigen Sohnes Louis und des Fußballplatzwartes Harry, die im Jena von heute auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit sind. Louis wünscht sich eine richtige Familie, Jeanette einen Freund, Harry wäre schon mit einer engagierten Fußballmannschaft zufrieden.

Im Zentrum von Mittelstaedts erstem Langfilm steht Jeanette (Stefanie Stappenbeck), eine junge alleinerziehende Mutter, die mit ihrem zehnjährigen Sohn Louis am Rande von Jena auf einem idyllischen Altbaugrundstück lebt und verzweifelt versucht, ihr Leben zusammenzuhalten. Nach außen gibt sie die taffe Handwerkerin im Overall, die abenteuerlustige Mutter, die zu allen Schandtaten bereit ist und die unabhängige Geliebte. Aber ihr mangelndes Selbstvertrauen und ihre große Einsamkeit scheinen an allen Ecken durch. Ruhelos, unkonzentriert und ausgehungert verschreckt sie potentielle Geliebte und verunsichert den schüchternen Louis, der sich nichts sehnlicher wünscht, als Zuverlässigkeit und Familie.

Der dritte in Mittelstaetds Reigen der Rat- und Heimatlosen ist der Platzwart und Trainer der Amateurfußballmannschaft Harry Schirmer. Der Platz und die Mannschaft sind Harrys Lebensinhalt, aber sein Engagement wird von niemandem so richtig gewürdigt. Die Spieler kommen zu spät, besoffen oder gar nicht und Aushilfe Jeanette guckt lieber den Jungs hinterher, als den Rasen zu pflegen. Nur Louis mag den soliden alten Mann.

Mittelstaedts Film erzählt, wie im Leben dieser drei auf einmal neue Hoffnung aufscheint – eine Einladung zur Silbernen Hochzeit der Großeltern trudelt ein, ein neuer Nachbar findet Jeanettes Tolpatschigkeit offensichtlich charmant, ein echtes Auswärtsspiel steht an – sich dann wieder mehr oder weniger zerschlägt, und die Suche nach Glück, um ein bisschen Lebenserfahrung reicher, weiter geht.

Von Arrangement und Atmosphäre erinnert "Jena Paradies" an die Filme von Andreas Dresen: normal unglückliche, alltäglich aussehende Menschen versuchen, sich in ihrem normal unglücklichen Leben zurecht zu finden. Als Halt taugen ihnen letztendlich die kleinen Ziele, der Sohn, die Arbeit, der Blick von den Hügeln auf den Stadtteil Jena Paradies. 

An die Intensität und Intimität von "Die Polizistin" oder "Halbe Treppe" reicht Mittelstaedts Debüt dabei allerdings nicht heran. Es ist, als ob Mittelstaedt sich noch nicht so recht trauen würde, den Zuschauern die ganze Wahrheit zuzumuten. Die Handlung plätschert über weite Strecken gefällig von Ereignis zu Ereignis dahin und lenkt dabei oftmals eher von den Personen ab, als die Bekanntschaft zu vertiefen. So scheint zum Beispiel Louis psychosomatischer Fall vom Baugerüst direkt dem Standard Fernsehplot für gefährdete Kinder entlehnt und ist der hübsche Nachbar natürlich ein guter Koch. Die Charakterisierung der Personen ist  noch etwas unscharf und ihre Motivationen bleiben manchmal unklar: Warum ist Jeanette so hysterisch auf Unabhängigkeit bedacht? Warum erzählt sie dem kleinen Louis nie von seinem Vater? Und was läuft eigentlich genau zwischen dem Nachbarn und seiner unterkühlten Ehefrau?

In einzelnen Szenen schimmert aber auch ein genauerer, schonungsloser Blick auf die Gesellschaft durch. Besonders gelungen ist die klaustrophobische Atmosphäre auf der Silbernen Hochzeit, zu deren Besuch Louis seine Mutter überreden konnte. Im kleinen Neubau-Wohnzimmer hockt Familie Bauch bei Gespräch und Torte und verbreitet ein klebriges Gefühl von Heimeligkeit. Jeanette flüchtet vor ihren Erinnerungen aufs Klo, Louis dagegen ist von soviel warmer Verwandschaft total begeistert. Ebenfalls sehr gut ist Bruno F. Apitz als trauriger aber integerer Platzwart Harry Schirmer.

Hendrike Bake