Korkuyorum Anne – Mama, ich habe Angst

Türkei 2004
Regie: Reha Erdem
Drehbuch: Rehe Erdem; Nilüfer Güngörmüs
Darsteller: Ali Düsenkalkar, Isil Yücesoy, Köksal Engür
Kamera: Florent Herry
Schnitt: Nathalie le Guay
Produktion: Atlantik Film
Länge: 126 Minuten

Was in den letzten Jahren immer stärker zu beobachten war: Mehr und mehr der nationalen Unterhaltungsfilme, deren Publikum bisher immer nur auf ein Land oder maximal einen Kulturkreis beschränkt war, dringen zu uns durch. Jetzt kommt mit "Korkuyorum Anne – Mama, ich habe Angst" eine türkische Komödie in die Kinos, die auch die deutschen Zuschauer unterhalten soll. Der famose Hauptdarsteller Ali Düsenkalkar zieht alle Register des Slapstick-Genres, doch die Handlung gleicht einer Nummernrevue, bei der sich Szenen unterschiedlichen Niveaus zusammenhanglos aneinander reihen. Schade drum!

Träge öffnet Ali die Augen und sieht vor sich eine wild fuchtelnde Horde Menschen auf ihn einreden, die vorgibt, seine Familie zu sein. Doch auch wenn der cholerische Mann mit dem schwarzen Schnurrbart ihm noch so oft den Photoband mit den Familienbildern unter die Nase hält und mit ausladenden Gesten auf die physiognomischen Ähnlichkeiten zwischen sich und seinem mißratenen Sohn aufmerksam macht, Ali, das sympathisch einfältige Riesenbaby schaut nur verständnislos aus seinen großen Kulleraugen und zuckt mit den Achseln. – Er kann sich an nichts erinnern, doch das macht ihn nicht unglücklich. Seitdem er in seinem Taxi überfallen wurde und einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, begegnet Ali der Welt mit einer kindlichen Naivität, die seiner Familie den letzten Nerv raubt, den Zuschauern der Komödie "Mama, ich habe Angst" aber zumindest einige vergnügliche Momente bereitet. Alis slapstickhafte Auftritte konterkarieren das virile Männlichkeitsbild, das ihm immer wieder als Ideal vorgehalten wird. Die Kinder suchen Alis Nähe, weil seine Gedächtnislücken wahrscheinlich nichts anderes sind als die Weigerung, erwachsen zu werden, doch das Mädchen, in das er sich verliebt, träumt dann doch lieber ganz konservativ von einem Märchenprinzen, der ins gängige Klischee des männlichen Helden paßt. Überhaupt kommen die realen Männer in diesem türkischen Film ganz schlecht weg, werden zu Karikaturen ihrer selbst, während die Sympathie des Regisseurs Rehda Erdem unübersehbar bei den Frauen und Kindern liegt. Wenn Ali vor lauter Mitleid einen weinenden Jungen vor dem Ritual der Beschneidung rettet, ist das zugleich eine Satire auf die türkische Gesellschaft, die an solchen Traditionen festhält. Nicht umsonst erhielt Ali Düsenkalkar auf dem diesjährigen deutsch-türkischen Filmfestival in Nürnberg den Preis als bester Hauptdarsteller für die Darstellung des an Amnesie leidenden Muttersöhnchens. Aber diese Einzelleistung kann nicht über die Holprigkeit hinwegtäuschen, die dem Film anlastet: Allzuoft mangelt es der Komödie an Timing und Tempo, und so manche Szene dieses über zweistündigen Films hätte am Schneidetisch gekürzt werden müssen. Eine Grundhandlung ist zwar in Ansätzen erkennbar, denn immer wieder geht es um einen Raub in einem Juweliergeschäft, einen verschwundenen Ring und um eine vorgetäuschte Polizeidurchsuchung. Doch der als "Krimikomödie" angekündigte Film zerfällt von Anfang an in einzelne Episoden, die mitunter an die deutschen TV-Klamotten der siebziger Jahre erinnern. Es bleibt zu hoffen, dass der Unterhaltungswert für Angehörige des türkischen Kulturkreises ein wenig höher ist, denn einiges an Wortwitz ließ sich wohl nicht auf die deutschen Untertitel übertragen.

Ralph Winkle