L’Amant Double

Francois Ozon mag es abwechslungsreich: Nach dem subtilen „Frantz“ legt der französische Regisseur mit „L'Amant Double“ einen Erotik-Thriller vor, der sich in betont altmodischen psychologischen Mustern ergeht und in bester Hitchcock-Manier von sexueller Obsession erzählt. Allzu ernst sollte man diese Fingerübung nicht nehmen, aber höchst unterhaltsam ist sie ohne Frage.

Webseite: www.weltkino.de

Frankreich 2017
Regie: Francois Ozon
Buch: Francois Ozon & Philippe Piazzo, nach „Lives of the Twins“ von Joyce Carol Oates
Darsteller: Marine Vacth, Jérémie Renier, Jacqueline Bisset, Myriam Boyer, Dominique Reymond, Fanny Sage
Länge: 107 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 18. Januar 2018

FILMKRITIK:

Nachdem ihre Frauenärztin keine physische Ursache für die Bauchschmerzen finden konnte, die sie seit längerem plagen, beschließt die junge Chloé (Marine Vacth), einen Psychiater aufzusuchen. Sie landet bei Paul Meyer (Jérémie Renier), einem etwas konservativen Mann, der dennoch bald die Regeln seines Berufs vergisst und sich in seine Patientin verliebt. Kurze Zeit später wohnt das Paar zusammen, Chloé scheint geheilt und glücklich, doch dann sieht sie eines Tages einen Mann, der Paul zu sein scheint.
 
Doch es ist nicht Paul, sondern dessen Zwillingsbruder Louis Delord (ebenfalls Jérémie Renier) und ebenfalls Psychiater, allerdings ein Anhänger ungewöhnlicher Methoden.  Nicht mit Worten und Gesprächen, sondern mit zunehmend exzessivem Sex versucht er Chloé zu heilen, die er für schüchtern und frigide hält. Bald findet sich Chloé zwischen den Brüdern hin und her gerissen und versucht herauszufinden, warum Paul diesen Teil seiner Vergangenheit verheimlicht hat.
 
Von der ersten Szene an, wenn er von einer extremen Nahaufnahme einer Vagina auf ein weinendes Auge schneidet ahnt man, dass Francois Ozon in seinem neuen Film anderes im Sinne hat als ein subtiles Psychogramm. So feingeistig sein jüngstes Drama „Frantz“ war, in zurückhaltendem schwarz-weiß gefilmt, in Andeutungen erzählt, so plakativ ist „L'Amant Double.“ Bewusst plakativ darf man vermuten, denn es ist kaum vorstellbar, dass Ozon nicht  klar ist, dass die zahllosen Aufnahmen, in denen sich Chloé in Spiegeln vervielfältigt sieht ebensolche Klischees sind, wie die Vorstellung von Zwillingen, die unterschiedliche Aspekte einer Persönlichkeit verkörpern.
 
Man mag hier an die Psycho-Thriller von Alfred Hitchcock oder Brian de Palma denken, an die mit psychologisch aufgeladener Erotik nie geizenden Filme von Roman Polanski oder David Cronenberg, am besten sollte man allerdings nicht allzu viel über Sinn und Unsinn von „L'Amant Double“ nachdenken, sondern sich nur dem Sog einer fiebrigen Phantasie hingeben. Denn besonders das Frauenbild von Ozon ist einmal mehr zumindest befremdlich und von altmodischen Stereotypen geprägt: Ein unselbstständiges, schüchternes Mäuschen ist die von Ozon für „Jung & Schön“ entdeckte Marine Vacth, eine schöne, makellose Fassade, die erst durch Sex mit einem richtigen Mann zum Leben erweckt wird.
 
Kann man dieses merkwürdigen Frauenbild akzeptieren ist „L'Amant Double“ allerdings ein großes, wenngleich flüchtiges Vergnügen. Immer bizarrer wird die Geschichte, immer grotesker die Wendungen, die Ozon, basierend auf einem Kurzroman von Joyce Carol Oates, auftischt, in sexueller wie psychologischer Hinsicht. Wie man die tatsächlichen und/oder imaginierten Dopplungen von „L'Amant Double“ versteht, erzählt am Ende wohl vor allem etwas über einen selbst, ganz wie die Interpretation eines Rorschach-Bildes. Auch so eine veraltete psychologische Methode, ganz passend also zu einem altmodischen, aber höchst effektiven Erotik-Thriller.
 
Michael Meyns